1. Folge biodynamischer Grundkurs im November 2025 - ein Vortrag von Martin von Mackensen, 2025

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Martin von Mackensen mit der 1. Folge vom biodynamischen Grundkurs im Rahmen des Novemberkurses am 3. November 2025 vor den Azubis der biodynamischen Ausbildung in der Landbauschule Dottenfelderhof

+++ Stand 12. November 2025: Dieser Text ist eine automatische Transkription und muss noch von Hand überarbeitet werden. Du kannst hier gerne MitTun? +++

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Transkription 1. Folge vom 3. November 2025

Die Leitfrage: Wo kommt die Landwirtschaft her? 00:00:41

Wir wollen diesen Grundlagenkurs beginnen mit der Frage, wo kommt eigentlich die Landwirtschaft her? Was ist sie ihrem Wesen nach, ihrem eigentlich? Nicht nur, wie machen wir sie heute und wie könnten wir sie vielleicht ein bisschen besser machen und was hat es schon für Ansätze gegeben oder so, sondern was ist sie denn eigentlich wirklich? Und das ist gar nicht einfach und das wird uns vielleicht zwei, drei Tage beschäftigen und diese, man könnte sagen, erweiterte, größere Geschichte der Landwirtschaft, die beruht auf verschiedenen Quellen.

Quelle 1: Geschichtliche Daten und Archäologie 00:01:32

Und eine dieser Quellen sind die geschichtlichen Daten, die man heute weiß. Und wir werden im Laufe gerade schon dieser ersten Stunde an einen Punkt kommen, wo deutlich wird, da ist jede Woche Neues. Da gibt es Ausgrabungen, da gibt es Quellen, die aus geschickter Kombination von verschiedenen Ausgrabungen, aus DNA-Analysen und so weiter stammen. Und da muss man eigentlich ständig dran sein, um überhaupt halbwegs aktuell zu sein. Ich bin das an dieser einen Stelle, aber ich bin es bei Weitem nicht über die letzten 20.000 Jahre bei allen Stellen. Es gibt natürlich auch viele Bereiche, in denen wenig Forschung passiert oder wo es gar nicht möglich ist, aber ich versuche es sozusagen an dieser einen Stelle, die vielleicht auch besonders bedeutsam ist, ein bisschen wie exemplarisch darzustellen. Das heißt also, die erste Quelle ist das, was wir einfach durch eine geordnete, gediegene Geschichtswissenschaft herausholen können.

Quelle 2: Das innere Nachvollziehen als Mensch 00:02:50

Die zweite Quelle ist, und mit der werden wir es heute Morgen auch schon gleich zu tun haben, dass wir als Menschheit ja sagen können, die Landwirtschaft ist eine Sache, die immer Menschen gemacht haben. Und wir sind auch Menschen. Das ist so selbstverständlich, dass man es sich nicht klar macht. Das, was Landwirtschaft ist, können wir auch wie von innen nachvollziehen, weil wir auch Menschen sind. Und damit fällt der Blick darauf, dass wir feststellen müssen, die Menschen, die das damals gemacht haben, die sind sehr, sehr anders, die müssen irgendwie ganz anders getickt haben, die müssen ein anderes Verhältnis zu sich und der Welt gehabt haben. Und dieses andere Verhältnis müsste doch für uns eigentlich ansatzweise nachvollziehbar ahnbar sein. Das ist verständlich, diese zweite Methodik. Ich schaue auf die Landwirtschaft als etwas, was zwischen der Natur und dem Menschen steht und vom Menschen gemacht wurde oder mit dem Menschen entstanden ist. Und ich kann, weil ich Mensch bin, die Akteure innerlich, ansatzweise nachvollziehen. Ich kann irgendwie versuchen, wer seid ihr, was hat euch bewegt, warum habt ihr das so gemacht.

Quelle 3: Die Mythologie 00:04:40

Und die dritte Methodik, die wir brauchen, das ist etwas, was irgendwie toll ist, weil es zu tun hat mit der Mythologie. Die Mythologie erzählt uns etwas und wir müssen sie verstehen lernen. Und wenn wir Mythologie erschließen, dann haben wir die Möglichkeit, mehr als nur das, was wir per DNA aus irgendwelchen Schichten oder per Knochen irgendwie wissen können. Wir können mit der Mythologie auf der seelischen Seite einsteigen. Wir können mit der Mythologie eigentlich ahnen, versuchen nachzuempfinden, was da die Menschen wohl angetrieben hat oder wie sie waren und was da wesentlich war.

Quelle 4: Spirituelle Gesichtspunkte 00:05:42

Und das vierte ist, dass wir uns klar machen können, wir sind primär Wesen, die nicht nur materiell sind, sondern primär geistige, primär spirituelle Wesen. Wir sind als Menschen nicht nur physisch-materiell zu verstehen und zu bewerten. Und wenn uns das klar wird, oder wenn wir wenigstens diese Frage haben, dann können wir auf die Menschheit schauen als Geschichte, als Gewordenes bis heute und uns die Frage stellen, sind wir damit schon anders verbunden als nur so wie so ein Betrachter, da drüben passiert irgendwas. Wenn wir denken können, dass wir als spirituelle Wesen, als Wesen, die einen inneren Kern haben, der nicht nur, wie man es vielleicht sagen könnte, von dieser Welt ist, dann wird plötzlich interessant, dass von dieser anderen Welt oder von jeder anderen Welt ein Anteil in uns entdeckt werden kann, wirksam sein könnte, mit dem wir noch eine ganz andere Brücke in vergangene Zeiten entwickeln können.

Zusammenfassung der vier Methoden 00:07:09

Also, ich wiederhole noch mal ganz kurz. Erstens, das gediegene historische, wissenschaftliche Erkennen. Zweitens, wir sind Menschen und das waren Menschen und die waren sicher ganz anders und doch müsste es doch möglich sein, dass wir als Menschen mit menschlichen Empfindungen und Gedanken und Gefühlen und so weiter uns hineinversetzen können. Drittens, Mythologie für die Geschichtsschreibung erschließen. Und viertens, auch spirituelle Quellen nicht ausschließen. Das wären die vier Methoden, die ich benutze, wenn ich versuche darzustellen, wie für mich das ist, was wir heute Landwirtschaft nennen, in dem, wie es geworden ist.

Position des Sprechers: Wissen als Prozess 00:08:09

Und ich will ganz klar sagen, das hätte ich vor fünf Jahren anders formuliert und ich werde es wahrscheinlich in fünf Jahren auch wieder anders formulieren. Je mehr man sich damit beschäftigt, desto weniger ist es fest. Ganz merkwürdige Sache, die man sich erst immer nicht vorstellen kann. Man denkt immer, man schafft sich etwas drauf. Man hat so plötzlich, man ist da ein Stück, irgendwie hat sich da eingearbeitet und hat ein bisschen Ahnung. Und je mehr man einsteigt, desto mehr wird es eigentlich fragil, fraglich, interessant, schillernd, könnte so, könnte so. Wenn es so ist, ist das bedeutsam. Wenn es aber so ist, ist das bedeutsam und so weiter. Und so kommt man zu einem Punkt, wo man plötzlich sagt, das habe ich zwar schon viele Mal und vieles gelesen und habe mir ein Bild gemacht, aber heute würde ich es wieder anders sagen. Und das möchte ich ganz eindeutig auch dazustellen.

Und ich will auch sagen, dass ich zwar mal mit einem Historiker an einer Ecke auch wirklich ein Stückchen Forschung gemacht habe und dass ich mich viele Jahre sehr interessiert habe und vieles gelesen habe, aber dass ich kein Historiker oder Geoarchäologe oder so etwas bin. Also dass ich auch immer an der Grenze dieser Professionalität kratze. Manchmal rufe ich dann meinen Freund an, der ist Prof in diesem Gebiet und dann sage ich, wie versteht ihr das eigentlich? Und dann muss er sich erstmal so ein Lachen verkneifen, dass man so eine Frage überhaupt stellen kann, weil er merkt, aha, die ist eigentlich in irgendeinem Seminar in der Uni dran und ich habe die jetzt halt einfach. Und dann hilft er mir, macht er mir so ein bisschen Nachhilfe. Ja, also das vielleicht zu meiner Situation, aus der heraus ich spreche.

Bezugspunkt: Wolfgang Müller und Anthroposophie 00:10:03

Und jetzt möchte ich etwas benutzen, was Einzelne schon mal gehört haben. Und das ist auch gar nicht schlimm und gar nicht schlecht, weil ich finde es eigentlich gut, Verbindungen zu schaffen. Wir hatten diesen Genuss im Zweig in Frankfurt bei diesem Herrn Müller, der Vorname kommt gerade nicht, Wolfgang, danke. Wolfgang Müller, der sich die letzten 15 Jahre als Kritiker zunächst mit der Anthroposophie beschäftigt hat und dann mehr und mehr eigentlich gefunden hat, was das für ihn bedeutet. Und der einen wunderschönen Vortrag da gehalten hat und der an einer bestimmten Stelle ein Bild gebraucht hat, was ich sonst gerne auch benutze, ein bisschen anders. Und ich nehme jetzt seins und ich möchte damit auch direkt eben bei ihm anschließen. Und das ist vielleicht für die Leute auch aus dem Jahreskurs ersprießlich.

Die Verbindung zur "anderen Welt": Das Beispiel Odysseus 00:11:04

Wenn wir zurückschauen, dann ist die Zeit, in der wir wirklich meinen, wir seien Menschen als Menschen und hätten eigentlich mit einer anderen Welt nichts zu tun, ganz, ganz jung. Noch vor 200, 300 Jahren war es den Menschen völlig klar, dass sie dazu in einer Verbindung stehen. Und noch vor 2.500 Jahren oder 2.800 Jahren war jemand wie der Odysseus. Diese wunderbare erste große Mythologie, wer kennt das nicht? Denn Odysseus, die Legende von dem irrfahrenden Helden der Griechen, der nach dem großen Krieg von Troja durch 30 Jahre eigentlich durch das Mittelmeer irrt und auf der Suche ist, wieder nach Hause zu kommen und schlussendlich das auch schafft. Und das ist die erste komplette mythologische Darstellung, die uns überliefert ist. Und sie ist wahrscheinlich in der Zeit 600, 700 vor Christus aufgeschrieben worden. Und da war sie sicher schon ein, 200 Jahre alt. Und sie ist sicher in einer bestimmten Weise aufgeschrieben worden und war als Geschichte noch vielleicht viel reicher und vielfältiger und unterschiedlich.

Und so, man muss sich vorstellen, es sind eigentlich zwei Bücher. Und die wurden sozusagen eine Nacht lang erzählt. Das Feuer, der Wein, die Menschen, die da drum sangen. Und der Sänger, der Strophe für Strophe, das reimte sich alles, ein Gedicht mit 12.000 Versen. Also 12.000 Mal ein Vers. Und das rezitierte der frei, weil er so in dieser Geschichte drin war. Und irgendwann ging die Sonne auf und dann kam wieder ein Tag und am nächsten Abend ging es weiter. Und diese Mythologie ist es uns sozusagen vielleicht ein bisschen vereinfacht, vielleicht ein bisschen reduziert, aber dennoch ist sie uns erhalten als die erste aufgeschriebene große Geschichte.

Und ganz klar ist, Odysseus, der Held, der ist verbunden, der lebt auch in einer anderen Welt. Der hat auch eine Beziehung zu einer Welt der Götter. Der hat auch eine Beziehung zu einer Welt der Halbgötter. Die Halbgötter spielen bei den Griechen eine riesige Rolle. Die können sich verlieben, sowohl in Götter als auch in Menschen. Und die können unter den Menschen erscheinen und plötzlich sind sie wieder weg. Also das sind die Halbgötter. Und dann gibt es natürlich noch die Unterwelt, eine andere Welt, die auch keine sinnliche Welt ist, die auch eine Riesenrolle spielt in der Odyssee. Und so kann man sagen, und damit schließe ich an den Wolfgang Müller an, es war völlig klar, dass wir nicht nur von dieser Welt sind.

Das Verständnis des Menschen als geistiges Wesen 00:14:29

Es war völlig klar, dass über uns, unter uns Welten sind, die mit uns ganz viel zu tun haben, die aber nicht so anfassbar und so materiell sind wie die Welt, in der wir, und jetzt sage ich eben auch, heute drin stehen. Das heißt, ich spreche hier auch aus dem Gesichtspunkt oder aus der festen Überzeugung, dass wir eben auch heute Wesen sind, die eine geistige Komponente haben oder eine nicht-physisch-materielle, oder dass wir, wie kann man das noch anders sagen, dass wir aus unserem So-Sein, wie wir hier heute sitzen oder stehen, etwas mitbringen, was noch eine andere Natur ist als unsere Genetik und vielleicht die Bedingungen, in denen wir groß geworden sind. Dass wir also nicht reduzierbar sind auf eine bestimmte Vererbung und auf eine bestimmte Sozialisation, sondern dass mit uns, in uns, durch uns ein Kern, ein Element wirksam ist, was wir vielleicht uns selber geschaffen haben, wovon wir wenig selber so im Alltag wissen, aber was uns manchmal doch plötzlich klar wird, wenn wir eine Entscheidung treffen oder so, ich bin doch ein bisschen anders, als der jetzt so über mich gedacht hat oder die über mich gedacht hat. Da wird es einem immer das erste Mal deutlich, weil man plötzlich merkt, so bin ich dann doch eigentlich nicht. Oder da ist noch mehr und dann kann man sich fragen, wo kommt das her und so weiter.

Also ich will einfach nur zu Anfang sagen, ich spreche hier aus einem Verständnis des Menschen und der Geschichte, welches nicht bei der Vererbung und der Sozialisation endet, sondern ich bin auf der Suche nach dem geistigen Kontext, nach dem Impuls, nach dem, was einzelne Menschen, was Menschengruppen, was Zeitalter und die ganze Menschheit irgendwie antreibt oder was in ihr wirksam ist oder was wandelnd hinter, in ihr, unter ihr, mit ihr, über ihr wirksam ist.

Die Neolithische Revolution und der Fruchtbare Halbmond 00:16:59

Und aus diesem Gesichtspunkt heraus versuche ich jetzt zu schauen auf die vielleicht größte Revolution, die die Menschheit je gemacht hat. Denn nichts anderes ist das, was man so wissenschaftlich die Neolithische, die Jungsteinzeitliche Revolution nennt. In der Jungsteinzeit passiert das und ich werde mich ganz fokussieren auf das eine Zentrum, in dem das passiert und das ist das sogenannte Zentrum des fruchtbaren Halbmonds im Nahen Osten.

Das ist interessanterweise an sehr verschiedenen Orten der Welt passiert und gar nicht so sehr zu unterschiedlichen Zeiten. Da sind 2.000, 3.000 Jahre Unterschied, ja, aber wenn man die Menschheitsgeschichte kennt, sind 2.000, 3.000 Jahre ganz, ganz wenig. Es ist sehr, sehr interessant, dass es offensichtlich für die ganze Erde, für die ganze Menschheit einen Prozess gibt, der viele Jahrhunderttausende sozusagen das Leben in der Weite, das Leben in dem Ziehen, das Leben in dem eigentlich die Erde nur so wenig wie möglich berühren und sich verbinden, darin liegt und das plötzlich an ganz, ganz verschiedenen Orten auf ganz verschiedenen Kontinenten in ganz verschiedener Art und Weise dieser Impuls auftaucht.

Man hat im 20. Jahrhundert gedacht, es sind eigentlich sieben solcher Zentren, sogenannte Wawilow-Zentren. Das war der erste Mann, der das gedacht hat oder der sich sozusagen das angeschaut hat und nach ihm wurden sie benannt. Heute geht man, macht, ist diese Zählung viel komplizierter, weil man sozusagen Sub-Ebenen auch findet und jetzt sich streiten kann, ist das, was im mittleren China passiert, hängt das zusammen mit dem, was in Vietnam passiert, im heutigen Vietnam oder so, oder ist das vielleicht zwei solche Zentren und so weiter und so weiter. Also ich konzentriere mich jetzt in der Darstellung auf diesen fruchtbaren Halbmond und will aber eben deutlich sagen, das gibt es in anderen Kontinenten, in ein bisschen anderen Zeiten, vor allem auch auf anderen Böden, in anderen Klimata, mit anderen Kulturpflanzen und sogar mit anderen Haustieren.

Die nomadische Ausgangslage: Das Leben in der Bewegung 00:19:29

Und wenn man da nochmal draufschaut, was vorher war, dann ist man heute in der Naturwissenschaft oder in der naturwissenschaftlichen Forschung auf diesem Feld an der Stelle, dass man sagt, ja, ungefähr zwischen 100.000 und 40.000, 45.000 vor Christus verlässt der moderne Mensch Afrika. Und vorher ist er mehr oder weniger, so vermutet man das heute, nur dort zu finden. Nun ist Afrika ein riesiger Kontinent und die Klimageschichte der letzten ein, zwei Millionen Jahre zeigt ganz deutlich, dass es da sozusagen ganz verschiedene Welten gab und die Frage ist auch dort, warum ist es denn nicht da schon entstanden? Also offensichtlich hat es eine bestimmte Zeit gebraucht und vom geistigen Gesichtspunkt aus könnte man sagen, hat es eine bestimmte innere Entwicklung, vielleicht eine neue Zeit gebraucht, in der dieser Impuls wirksam werden konnte.

Und wenn man da jetzt ins Detail guckt und versucht, sich die Frage vorzulegen, was war da wohl zuerst, dann scheitert man. Weil das ganz, ganz schwer ist, wie kann man sich das denken, Menschen, die in kleinen Gruppen weite, große Wanderungen vollziehen, Jahr für Jahr, die gar kein anderes Leben kennen als das Bewegungs-, das Unterwegsleben. Menschheit war bis vor wenigen tausend Jahren nur ausschließlich ziehend, bewegend. Anders darf man Menschheit gar nicht denken. Und wenn es ganz tolle Orte gab, dann war man da mehrere Monate, aber niemals immer. Ganz, ganz wichtig.

Das Seelenleben der Nomadischen Menschheit 00:21:30

Und in diesem ziehenden Bewegen kommt man in etwas hinein, was man seelisch heute vielleicht noch ein bisschen nachvollziehen kann. Man braucht natürlich eine super Orientierung, aber gleichzeitig ist man ständig dabei, von dem Ist in etwas Neues, in etwas Offenes, in etwas Ungewisses, in etwas, da waren wir vielleicht schon mal, in dieser Gegend, da hinten kommt dann der See, und da müssen wir noch über diesen einen Fluss und so, aber eigentlich ist alles rätselhaft und neu und ungewiss. Also vielleicht zu dieser sogenannten nomadischen Menschheit dazudenken, die Lust, aber auch die Sorge und Not, die damit verbunden ist, nicht zu wissen, wie es eigentlich morgen ist. Man muss weiterziehen, man zieht weiter, das ist gar keine Frage, man lebt da drin, aber man zieht eigentlich immer in etwas hinein, was nicht definitiv ist, was nicht festliegt, was nicht ultimativ ist. Und das bedeutet, in mir ist eine Offenheit notwendig, mich über das zu freuen oder mit dem umgehen zu können, was ist. Ich werde ein Wesen, was sich ganz auf das einstellen kann, was Gegenwart ist. Und natürlich habe ich Wünsche für das, wie es schöner ist oder so, aber mit meiner Gruppe zusammen, bin ich eigentlich immer in dieser, ja, Eroberung ist falsch, aber in dieser Überraschung, in dieser sich Neues offenbarenden Haltung gegenüber der Welt. Die Welt ist etwas, in der ich sozusagen unterwegs bin und die mir jeden Tag einen neuen Tag schenkt, mit völlig neuen Überraschungen, Herausforderungen und so weiter.

Wir sind eigentlich stinklangweilige, spießige Stubenhocker geworden. Diese ganze Abenteuerlichkeit, dieser ganze, ja, was brauche ich denn wirklich? Alles, was ich brauche, muss ich auch mitschleppen. Was kann ich eigentlich mit, wo geht das eigentlich von selber, mit wem kann ich das eigentlich, welche Tiere, welche Pflanzen und so weiter und so weiter. All das macht natürlich eine Menschheit vollkommen anders. Und das ist das, wovon wir ausgehen müssen. Jahrhunderttausende diese Haltung.

Die Entdeckung des Göbekli Tepe 00:24:23

Und jetzt kommt man an diesen Punkt, was kann denn da gewesen sein? Warum ist es denn plötzlich, dass Menschen anfangen, Getreide oder Gräser zu selektieren oder eben anzubauen? Und da gibt es eine Entdeckung, die 1994 begonnen hat. Und die ist in Südost-Anatolien. Und dieser Ort, der heißt Göbekli Tepe. Und das heißt eigentlich bauchiger Hügel oder schwangerer Hügel. Und das ist ein Hügel, der ist ungefähr 800 Meter über Meeresspiegel in einer Landschaft, die auch nicht jetzt Viertausende hat. Die aber auch nicht ganz flach ist. In einer Landschaft, in der 50, 100 Kilometer weiter nach Norden wird es gebirgiger. Und 50 Kilometer weiter nach Südwesten, da wird es flacher. Also es ist eine Übergangslandschaft, ganz wichtig. Eine Landschaft, die nicht wirklich Gebirge ist und eine Landschaft, die nicht wirklich große, weiträumige Flachlandsteppe ist.

Es ist eine Welt, in der es ungefähr 9800 vor Christus relativ schon warm war. Also vergleichbar vielleicht von der Temperatur mit uns heute oder mit Norditalien, Frankreich, Ungarn, so ungefähr, ganz grob. Vielleicht auch etwas weiter nach Osten, also Ungarn ist vielleicht ein guter Vergleich. Eher zu trocken, schöne differenzierte Jahreszeiten. Und in zwei, drei Tagen Entfernung ist die ansteigende Landschaft, das heißt auch im Sommer, dass Wasser fast von den Bergen kommt. Wenn es nicht regnet, ist genügend Wasser da in den Bächen und Flüssen vom Gebirge. Und vor einem, zwei, drei Tage eben in die Ebene runter, mehr Steppe als Wald, Halbsteppe würden wir vielleicht sagen. Und unglaublich viele Tiere, weidende Tiere, viele Gazellen und so weiter.

Die "Steingestaltungen" und die archäologische Haltung 00:27:13

Und nun entsteht an diesem Ort, auf diesem Hügel oben, ein großes, großes Areal mit, das ist jetzt ganz schwierig, was ich da sage, ob ich jetzt sage, Kultbauten, da hat man sofort irgendeine Vorstellung. Oder ob ich einfach sage, Steingestaltungen, oder ob ich sage, der innere Abdruck davon, dass man eine neue Kultur sucht und braucht und findet, zu der es dann gehört, dass Haustiere und Kulturpflanzen entstehen. Also ich will sagen, ich will das extra offen halten. Es gibt unglaublich viele Definitionen zu diesem, was man da gefunden hat, wahnsinnige Widersprüche. Ich bin da, wie gesagt, an dieser Ecke wirklich, krieg jede Woche neue Berichte und man hat heute fünf Prozent von diesem Ort ausgegraben und das ist schon gigantisch.

Wir wissen durch ein ganz spezielles elektromagnetisches Verfahren, mit dem man so ein Areal überfliegen kann, dass ganz, ganz viel mehr von der Fläche noch gestaltet war, ähnlich gestaltet war, wie ich das jetzt here gleich schildere. Und man gräbt eben nur kleine Teile aus, weil man will der nächsten Generation von Archäologen und Geoarchäologen und experimentellen Archäologen und so weiter, den will man mit ihren dann möglicherweise besseren Verfahren noch genug lassen. Eine tolle Haltung in der Wissenschaft, finde ich cool, dass man nicht irgendwie abräumt und sagt, wir wollen noch tiefer und noch tiefer und das erste finden und räumen das irgendwie mit der Planierraupe weg, sondern man macht das punktuell und hält sehr genau fest, was man da findet und macht das eben so.

Die Rätselhaften Stelen: Aufbau und Aufwand 00:29:26

Das Bild ist, wir sehen eine Menschheit, die aus ungefähr fünfeinhalb Kilometer Entfernung eine Art Steinbruch hat. Jetzt müssen wir uns vorstellen, nomadische Welt, keine Kulturpflanze, kein Haustier, die kommen dahin und arbeiten mit Stein auf Stein. Es gibt natürlich kein metallernes Meißelhammer irgendwie. Mit Stein auf Stein arbeiten sie in diesem Art Steinbruch. Wir wissen es so genau, weil eine von diesen großen Stelen nicht fertig geworden ist und die liegt in diesem Steinbruch noch. Das sind Gebilde, die haben ungefähr so eine Form, so ungefähr so etwas rund und durchaus hier mal viereinhalb Meter hoch und in der hier auch mal so 1,50, 2, 2,5 Meter so eine Dicke. Gewichte von 5 bis, glaube ich, 12 oder 18 Tonnen. Riesig, schwere, große. Das würde hier so bis zur Bühne und dann here so runter. Das ist vielleicht so die Aussparung.

Wie die das überhaupt bewegt haben, wie die das überhaupt da rausgehauen haben, welches Können dahinter steht, man hat also das experimentell nachvollzogen, hat an einer Stelle mit Stein auf Stein das bisschen bearbeitet da in diesem Steinbruch bei dieser Steinhärte und ist dazu gekommen, dass also eine Gruppe, die vielleicht drei Monate im Jahr da arbeiten kann, ungefähr 30 Jahre an einem so einem Ding arbeitet, wenn sie ganz, ganz effektiv das macht. Also rätselhaft.

Und jetzt bestehen diese Stelen, deren Sinn oder deren Verwendung ist jetzt so, dass die so im Kreis angeordnet sind. Mal 12, mal 16, so jetzt von oben gesehen. Und es entsteht ein Kreis, der vielleicht 10, 12 Meter Innenraum. Zum Teil ist hier originär eine Vermauerung dazwischen, so hoch vom Boden. Und die sind ganz kunstvoll, ganz geschickt direkt auf dem anstehenden Felsen, man könnte sagen, fundamentiert. Also die sind aufgestellt wirklich auf dem, muss man sich ja vorstellen, ein Steinmonument mit 6, 8, 10 Tonnen. Das rutscht von selber runter, wenn man das nicht gründet, wenn man dem nicht ein Fundament gibt. Und die sind so pfiffig, dass sie da auf diesem Hügel den ganzen Mutterboden wegnehmen und das da draufsetzen, wo sie den Eindruck haben, das bewegt sich nicht oder das trägt oder das ist stabil genug. Und dann wird zwischen diesen Stelen, zum Teil ist es nicht bei all diesen Kreisen, 5 sind davon ausgegraben, eben so eine Art Sitzbank, weiß man nicht. Wir wissen auch heute nicht, ob das überdacht war. Das kann man gut annehmen, dass es vielleicht eine Holzüberdachung gab, vielleicht auch eher wegen der Sonne. Wir wissen auch nicht, wofür die wirklich waren. Wir können das nur spekulieren.

Ein Kult-Ort: Keine Siedlung, keine Haustiere 00:33:33

Und es gibt wildeste Spekulationen und es gibt unglaublich viele Funde in diesem Raum und um diese Stelen herum, weil man eben heute schon aus einem Krümel Erde sehr viel sagen kann über die DNA-Analytik. Eins steht fest, es gibt keine Kulturpflanze und kein Haustier. Und es scheint so zu sein, dass unter den vielen tausend Knochen, die man im gesamten Areal gefunden hat, kein einziger menschlicher ist. Und alles Wildtier oder höchstwahrscheinlich für Nahrung. Und es scheint so zu sein, dass es auch keine Fäkalien da gibt. Das heißt, die Menschen haben da wirklich nicht gewohnt. Es war ein Ort, wo man hinging, um irgendwie in Gemeinschaft etwas zu feiern, zu verrichten, zu haben, zu opfern, wie man das auch immer betiteln mag. Ein Kult-Ort.

Die Tiermotive: Das Bannen in den Stein 00:34:45

Und vielleicht noch dazu. Einige sind here in dieser Zone unglaublich toll bearbeitet. Und zwar fast ausschließlich mit Tieren. Man hat also dort Tier-Motive in einer Halbrelief. Das ist so fünf, acht Zentimeter steht es heraus aus dem Stein. Es gibt mittlerweile sogar, das ist jetzt erst später gefunden worden, in dem Gesamtareal auch vollplastische Tier-Skulpturen. Die sind aber sehr wenige. Die allermeisten sind eben an diesen Stelen. Nicht jede Stele ist behauen. Wir wissen auch nicht, nach welchem System. Schlangen, Kraniche, Wildschweine, Löwen, Wiederkäuer, sowas wie Ur oder Wisente. Es ist eine merkwürdige Welt, die da gezeigt wird und nicht gerade schön gemacht. Man hat fast den Eindruck, als seien sie absichtlich ein bisschen beängstigend da. Wenn man sich mit kleinen Kindern da rein vertieft, das darf man eigentlich nicht. Das habe ich gemacht, um zu wissen, wie wirkt das für Kinder. Und die haben ein bisschen Schiss davor.

Also offensichtlich, jetzt komme ich ein bisschen mehr zu dem, wie ich das verstehe, nur an dieser einen Stelle. Ich kann dich jetzt in den Stein fixieren. Ich bin in der Lage, dich hier an diesen Stein zu bannen. Oder zu hinterlassen. Oder dich wirken zu lassen. Oder da sein zu lassen. So vielleicht. Also der Genuss, die Freude, die springt einem entgegen, das zu können. Das machen zu können. Das Ganze überhaupt zu können. Das ist auffällig.

Die Tätigkeit als Hauptzweck 00:37:09

Und an zwei Stellen hat man jetzt auch tiefer gegraben und hat festgestellt, schräg darunter wieder so ein Ding. Offensichtlich mehrere Jahrhunderte, vielleicht sogar kontinuierlich über tausend Jahre. Diese Kreisgebilde, in denen eben etwas irgendwie zelebriert wurde, gefeiert wurde, denen vielleicht ist auch das, was da drinne geschah, gar nicht das Allerwesentlichste, sondern die Tätigkeit der Gruppe, das zu machen. Also das scheint mir eine gar nicht so ganz dumme Idee. Die kommt von einem Archäologen, der sagt, vielleicht war das Allerwesentlichste, ein ganzes Leben lang mit der Gruppe an einer Stele zu arbeiten und irgendwann kommt der ganz große Moment, wo man die da hinbringt und wo sie aufgerichtet wird. Und jetzt ihren Platz hat und ihren Ort hat und ihre Funktion hat im Kanon der anderen Stelen und etwas Gesamtes bildet.

Mahlsteine und DNA-Analyse: Eine komplexe Versorgungswirtschaft 00:38:22

Ja, eine Berliner Geoarchäologin, die sich sehr beschäftigt hat mit dem Ort, ist jetzt vor zwei, drei Jahren darauf gekommen, dass sie bestimmte Steine, die ja unglaublich viel herumliegen quasi in dem Areal unter dem Oberboden, dass sie die ganz genau untersucht hat und zwar eben mit experimenteller Archäologie. Und sie hat definitiv herausgekriegt, wir finden da ungefähr 3.000 bis 5.000 Mal Steine, kleine Vertiefungen in Steinen, wo gemahlen werden konnte. Und sie hat das wirklich mit Studenten, die dann mit verschiedenen Stößeln da gearbeitet haben und Gräsersamen und auch Fleisch und so verarbeitet. Wie könnte denn das gewesen sein? Und dann hat sie ein Verfahren entwickelt, wo sie auch wieder sozusagen feinste Spuren von dem, was da verarbeitet wurde, als DNA-Fetzen aus den Rillen dieses Steins heraus isoliert hat. Unglaublich.

Sodass wir heute wirklich sagen können, keine Kulturpflanzen und eine Versorgungswirtschaft, muss man wirklich so sagen, da muss es eine sehr professionelle Kultur gegeben haben, die man sich eigentlich gar nicht denken kann ohne Arbeitsteilung. Also dass Gruppen kamen und gingen und wenn sie kamen, sich vielleicht geteilt haben, die einen haben in diesem Steinbruch, ist auch ein blödes Wort, aber an diesem Ort, an dieser Stele gearbeitet und die anderen haben für die Ernährung gesorgt. Das ist so unser Bild heute. Es kann schon in zwei Wochen wieder anders sein, wenn man wieder irgendwas Neues findet und wieder lange überlegt, wie kann das Bild weitergehen. Also ich höre vielleicht here auf, ich bringe euch auch gerne here nochmal ein bisschen Bücher dazu hin, dass man auch Bilder davon hat.

Klaus Schmidt und seine These: Erst der Tempel, dann die Sesshaftigkeit 00:40:32

Der Göbekli Tepe ist verbunden mit dem Namen Klaus Schmidt und dieser Klaus Schmidt ist ein deutscher Archäologe, der leider in der Ostsee beim Baden vor einigen Jahren tödlich verunglückt ist. Es gibt wunderschöne Vorträge von ihm im Internet, wo man sieht, was er eigentlich für ein Mensch war und er schildert so wunderbar seine erste Begegnung. Er hatte ein bisschen 40, 50 Kilometer entfernt eine Ausgrabung fertig und er hätte eigentlich sofort nach Hause können, aber er war in der Überlegung, was macht er nächstes Jahr. Es ist da heute so, wenn man dort Ausgrabungen macht, kann man das eigentlich nur maximal zwei Monate im Frühling und zwei Monate im Herbst, sonst ist es so unwirtlich oder so heiß oder so schwierig, dass man es eigentlich nicht machen kann. Und die nächste Grabungskampagne, die ihm da eben 95 möglicherweise bevorstand, die suchte er noch.

Und er kommt an diesen Ort, dadurch, dass Einheimische ihm gesagt haben, da müsste man eigentlich nochmal gucken. Und das ist eben so ein Hügel und ein einziger Baum ist obendrauf und er läuft zu diesem Hügel hoch und denkt, entweder drehst du jetzt um oder du wirst den Rest deines Lebens hier verbringen. Diesen Tagtraum hatte er. Hier wird was kommen, was dich so beschlagnahmt, was dich so binden wird, dass du den Rest deines Lebens damit verbringst oder du drehst schnell um. Hat man ja manchmal nicht, dass man so irgendwo hinkommt und denkt, entweder schnell weg oder du wirst hier bleiben. Und so ist es ihm gegangen.

Er hat dann eine Türkin geheiratet, die zum Glück auch seine ganzen Materialien gut kannte und die das dann auch mit ihm zusammen weiterentwickelt hat. Er hatte dann großes Glück auch durch die Deutsche Forschungsgesellschaft. Die politische Situation in den Nullerjahren war viel günstiger für die Ausgrabung und sie waren eben sehr erfolgreich. Und er konnte das dann eben vielfach auch darstellen in Europa an verschiedenen Universitäten und diese Vorträge sind eben glücklicherweise zum Teil erhalten, sodass wir nicht nur sein Buch haben, Sie bauten die ersten Tempel, sondern eben auch Vorträge. Und seine These ist, die ich vollständig teile, diese ersten Tempelbauer, diese ersten ältesten bekannten Tempelanlagen wurden von einer Menschheit gebaut, die nicht sesshaft war. Und möglicherweise stehen wir mit dieser Anlage genau an der Stelle, wo diese Sesshaftwerdung, dieses Ergreifen und jetzt sage ich so, wie ich sehe, des Bodens, der Pflanze und der Tiere geschah.

Der Kontrast: Nevalı Çori und das "Neolithische Paket" 00:43:52

Und das liegt daran, dass wir eben in gar nicht weiter Entfernung von dort ungefähr 35, 40 Kilometer einen zweiten Ort haben, Nevalı Çori, bestimmt schlecht ausgesprochen, falls jemand Türkisch kann, sicher nicht ordentlich. Und dieser Ort ist später, ist ungefähr fast 2000 Jahre später, fängt der an und da ist die komplette Landwirtschaft da. Wir haben also zwei Orte, die wir sehr gut ergraben haben oder wo sehr viel schon bekannt ist, noch nicht fertig, aber sehr vieles ergraben ist, die sehr gut dokumentiert sind und der eine hat kein bisschen Landwirtschaft und der andere hat eigentlich das komplette, Klaus Schmidt hat diesen Begriff geprägt, neolithische Package, das ganze Paket. Die Haustiere, die Kulturpflanzen und die Fähigkeit Boden zu öffnen, Boden anders zu bearbeiten, das ist sozusagen dieses Package und das ist dort alles schon da. Und Klaus Schmidt ist der Erste, der eben sagt, ja, mit Göbekli Tepe stehen wir an diesem Ort, wo es noch nicht ist, aber es ist vielleicht deutlich, warum es entsteht.

Der innere Impuls: Der Wunsch nach Verortung 00:45:17

Es mag, es könnte, es ist denkbar, dass es entsteht, weil Menschen an einem Ort sein wollen. Nicht, weil es bequem ist, nicht, weil es irgendwie nicht anders ging oder so, sondern die innere Veränderung im Menschen hat ihn befähigt, es ihm nötig erscheinen lassen, sich mit einem Ort zu verbinden. Und dieses Motiv, die Stele zu bauen, also zu herzustellen, ein Leben lang an diesem Teil zu haben, dass das entsteht, das hinzubringen und aufzurichten und in den Kreis zu ordnen, macht es für mich sehr, wie soll man sagen, erklärlich. Oder das ist für ein Bild, womit ich denke, dass es wirklich zutreffen kann. Es gibt irgendetwas im Menschen, was sich so verändert, dass er oder diese Gruppe oder diese Kultur diesen Impuls hat, wir hier eben so zwischen oben und unten und nicht in der Weite. Und jetzt kommt aus diesem Motiv heraus, wir wollen eigentlich gar nicht mehr in die Weite. Lange muss das Beides parallel gewesen sein, sonst hätte das nicht entstehen können. Und jetzt dieser Impuls, wie können wir es hier machen?

Und damit stehen wir an einem Punkt, wo wir das erste Mal in völliger Übereinstimmung mit der Mythologie, in völliger Übereinstimmung mit der modernen Archäologie sagen können, Landwirtschaft entsteht aus einer inneren Veränderung des Menschen. Landwirtschaft entsteht, weil es ein Bedürfnis gibt, im Menschen sich anders zu verbinden mit der Welt, mit dem Boden, mit den Pflanzen, mit den Tieren, sozusagen Zellen, Räumlichkeiten, Orte zu bilden, die komplett anders werden und die dann eine ganz eigene Dynamik entfalten.

Der weitere Kontext: Jericho und der Iran 00:47:46

Man spricht vom fruchtbaren Halbmond, weil ganz auf der anderen Seite, das ist jetzt Südost-Anatolien, das ist also da, wo jetzt gerade versucht wird, einen Frieden mit den Kurden herzustellen. Ganz auf der anderen Seite, ganz im Westen dieses Halbmonds, dieser Mittelgebirgskette, fast am Mittelmeer, in Jericho, das gehört heute zu Israel, da ist eine ähnliche Sache, die ist aber ungefähr 1000 Jahre später. Man wird noch mehr entdecken in dieser Region und es ist auch die große Frage, wie weit geht diese Region noch weiter nach Osten. Es gibt eine Sache, die in dem heutigen Iran und auch im Afghanistan liegt, wo man eigentlich auch denken kann, das ist nur jetzt eben einfach lange schon nicht mehr gut weiter archäologisch bearbeitbar, weil die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen das nicht erlauben. Jedenfalls kann man da auch denken, dass das vielleicht sogar zu dieser ersten primären Situation dazugehört.

Also das vielleicht als Eröffnung von diesem Thema, wie wird der Mensch deshalb, wie erfindet er Landwirtschaft, der Blick in den fruchtbaren Halbmond und der Blick durch das, er schafft sich jetzt Steinmonumente und wir sind in der Lage, die Steinmonumente innerlich nachzuerfinden, nachzubilden, nachzufühlen, nachzuempfinden und zu merken, es gibt eine Lust, es gibt ein Bedürfnis, es gibt ein Entwicklungsstrom an einem Ort.

Die Beerdigung des Göbekli Tepe 00:49:48

Es geht so weiter, dass dieses Göbekli Tepe ganz merkwürdigerweise am Ende dieser Epoche ungefähr 8200, 8100 vor Christus regelrecht beerdigt wird. Ganz merkwürdig, wir wissen nicht, was da eigentlich vorliegt. Viele, viele Kubikmeter Erde aus dem Umraum werden dahingeschafft und es wird bedeckt. Es wird wie sozusagen zum Verschwinden gebracht.

Das Städtchen Nevalı Çori: Kulträume und das "Package" 00:50:27

Und dann dauert es wahrscheinlich nochmal 200, 300 Jahre, bis das da eben zu diesem ersten Städtchen kommt. Das ist so ein bisschen am Hang, ein nach Südosten liegender Hang, dieses Nevalı Çori. Man könnte fast sagen, eine kleine Stadt. Es ist mehr als ein Dorf. Es sind Lehmhäuser, die unglaublich kunstvoll gestaltet sind. Es ist so eng, dass man über die Dächer läuft. Die Häuser sind aneinander. Es ist ganz merkwürdig. Man hat eigentlich Häuser erfunden, aber noch nicht die Straße dazwischen oder den Weg dazwischen. Versteht man eigentlich nicht. Und die sind in einer Art zweigeschossig. Man könnte sogar sagen dreigeschossig. Es gibt eine Art Keller. Nicht das ganze Gebäude ist unterkellert, aber in der Mitte des ersten Raumes, im ersten Stock oder im Erdgeschoss, ist eine Grube, könnte man sagen. Und in dieser Grube, die ist ordentlich verschlossen, da sind Skelettteile, aber diese Skelettteile sind zuvor außerhalb der Stadt beerdigt worden. Die sind also jahrelang vorher außerhalb der Stadt gewesen und dann wahrscheinlich auch in einem besonderen Akt dann unten in das Haus hineingebracht worden.

Und dann gibt es eben diesen Raum im Erdgeschoss und der ist nicht der Wohnraum, sondern der ist eine Art Kultraum. Da sind oftmals kunstvoll gestaltete Rinderschädel an der Wand, manchmal drei, vier, drei, drei Seiten und dann acht, zehn, zwölf solche Rinderschädel. Und dann eine Decke und oben hat man gelebt eigentlich wie vorher offen, vermutlich offen. Also eine Stadt, ein Städtchen, eine Dorfschaft, wo man immer auf so einem Kultraum obendrauf wohnte oder auf so einem Ahnenraum oder wie man es auch betiteln mag.

Und jede Menge Haustiere, jede Menge DNA von verschiedensten Kulturpflanzen, also vor allem Emmer, Einkorn, Gerste, Lein, Mohn, Linsen, Bohnen, Erbsen. Ich glaube, das sind die Hauptkulturpflanzen und eben Schaf, Ziege, Hund, ich bin jetzt nicht ganz sicher, Pferd noch nicht und Rind erst am Ende, ich glaube in der letzten Epoche. Ganz kleine Rinder, wo man sich wirklich fragt, wo kommen die denn eigentlich, wie geht das denn eigentlich, aber die gibt es da auch dann. Also ein schöner, großer, natürlich sauberer, immer fließender Fluss, der Fische sicher enthielt und eine Ebene, die mit Wild voll war und wir finden viele Knochen von verschiedensten Wildtieren, Hirschartigen, Antilopenartigen Tieren in dieser Siedlung. Man hat also durchaus auch vom Wild gelebt.

Die Folgen der Sesshaftwerdung 00:54:06

Vielleicht zunächst so viel zu dieser allerersten Epoche und wenn wir nochmal versuchen, das irgendwie zusammenzubinden, dann könnten wir sagen, die Landwirtschaft beginnt aus einem inneren Impuls des Menschen, sich zu verbinden mit einem Ort. Und damit geht dann, das ist sicher ein Prozess von mehreren hundert Jahren, aber damit geht dies verloren, in der Weite zu Hause zu sein und es beginnt ein völlig neues Zeitalter, deshalb vielleicht auch die größte Revolution, die größte Veränderung. Ein Zeitalter, in dem plötzlich eben alles an dem Ort auch entstehen muss und in dem man eben nur so leben kann, wie man das selber hinkriegt. Und das ist eben nicht nur der Pflanzenbau und das Halten der Tiere und damit das Kultivieren des Bodens, sondern der Vorratshaltung. Von Anfang an müssen wir denken, Landwirtschaft ist die Kunst, Vorratshaltung zu betreiben, nicht zuletzt auch wegen dem Saatgut.

Der Beginn von Besitz und Herrschaftssystemen 00:55:26

Und bei dieser ersten Epoche taucht jetzt auf, dass die Menschheit offensichtlich nicht nur irgendwie von der Weite in diese Ortsbindung wollte oder gegangen ist, sondern auch jetzt sind wir hier und ihr seid bitte da drüben. Das heißt, man kommt jetzt in all das hinein, was eben damit zu tun hat, dass Menschen plötzlich meinen, sie seien here und das sei vielleicht sogar ihres. Diese Verrücktheit, dass wir plötzlich meinen, Land gehört Menschen oder sie hätten da irgendwie besondere Rechte oder irgendwie all das, das beginnt damit. Und es beginnt damit auch die Notwendigkeit, wiederum gegen diese Impulse im Menschen etwas zu tun, das heißt, Ordnungssysteme zu errichten, die möglichst dafür sorgen, dass man sich nicht alle ein, zwei Generationen gegenseitig umbringt, weil man jetzt um dieses oder jenes Gebiet streitet. Das heißt, wir haben auch damit den Beginn aller Herrschaftssysteme beschrieben. Wir gehen nicht davon aus, dass es sozusagen Reiche und Herrschaftssysteme gab, solange die Menschheit eine ziehende Nomadische war. Und damit ist natürlich auch ganz viel sehr Problematisches verbunden, was wir einfach mit dazu denken müssen.

Keine Erfolgsgeschichte: Der Preis der Sesshaftigkeit 00:57:10

Die Landwirtschaft ist die Möglichkeit, dass wir so leben, wie wir leben, eben wahnsinnig viele Menschen von verhältnismäßig wahnsinnig wenig Erde, Fläche. Und gleichzeitig ist die Entwicklung der Landwirtschaft auch eine nicht nur Erfolgsgeschichte, sondern auch eine sehr traurige Geschichte, weil die Menschheit in gewisser Weise ständig unter ihr Niveau gefallen ist. Das muss man wirklich auch von Anfang an mit dazu sagen.

Und dann muss man auch noch dazu sagen, die These von Klaus Schmidt, die er glaube ich 2008 das erste Mal formuliert hat, wir müssen aufhören, die Neolithische Revolution zu verstehen als etwas, wo es um Bequemlichkeit ging. Die ist heute nicht nur eine These, sondern die ist sozusagen auch auf ganz andere Weise noch bewiesen worden. Man kann sich nämlich sehr schnell eigentlich klar machen, zunächst bestimmt ein Jahrtausend, wenn nicht noch länger, war dieser Weg ein sehr entbehrungsreicher. Das Leben war überhaupt nicht einfacher, schöner, bequemer, sondern das Leben war viel problematischer. Und das spiegelt sich an den Lebenserwartungen. Wir können es heute sehr gut mit Statistik und vielen, vielen archäologischen Untersuchungen unter Beweis stellen, dass das durchschnittliche Lebensalter, nachdem die Menschheit sesshaft geworden ist, gesunken ist. Und das ist auch logisch, weil die Ernährung wird einseitig und man wandert allen Infektionskrankheiten nicht mehr davon. Und zusätzlich zu dem, dass es Krankheiten gibt, die sozusagen am Raum fest sind, in dem Raum fest sind, gibt es jetzt einen Riesenschwung von Krankheiten, die damit zusammenhängen, dass man mit Tieren sehr, sehr eng lebt. Und diese Tiere zum Teil Krankheiten aufnehmen von den Menschen und an andere wieder weitergeben oder eben Zoonosen, die eben von den Tieren auf die Menschen übertragbar sind.

Wir sehen also, eigentlich im physisch äußeren materiellen Sinn machte das überhaupt keinen Sinn. Es war auch nicht so, dass man zu Anfang der ersten Jahrhunderte irgendwie große Erträge hatte und sagen kann, ja, da konnte man viel mehr Menschen ernähren. So wurde das bisher immer erklärt. Das ist nicht so. Das wissen wir heute sehr genau.

Fazit: Der innere Impuls als Ursprung 01:00:03

Sondern wir müssen wirklich sagen, es gibt einen inneren Impuls im Menschen, in der Menschheit, an bestimmten Orten zu sagen, hier, hier wollen wir sein und hier haben wir eine Beziehung zu dem, was für uns leitend, führend, organisierend ist. Es ist eine Göttlichkeit, die vielleicht auch durch diesen Prozess immer weiter wegrückt. Und hier haben wir irgendwie Klarheit mit unserer Gruppe und mit den nächsten Gruppen und so weiter. Das heißt, ich will euch sozusagen in dieser ersten Stunde sagen, indem wir auf die Geburt, auf die Frage, wo kommt Landwirtschaft eigentlich her, schauen, schauen wir auf einen extrem wichtigen Umschwung, eine extrem entscheidende Verwandlung in der Geschichte der Menschheit, die sozusagen ganz, ganz tief damit verbunden ist.

Ausblick und Arbeitsanweisung 01:01:07

Und wir werden uns dann morgen weiter beschäftigen, wie die ersten landwirtschaftlichen Hochkulturen vor der ägyptischen Kultur, vor der kaldeischen Kultur gewesen sind. Weil auch davon gibt es jetzt schon mittlerweile Quellen und Unterlagen. Und das ist dann schon auch nochmal sehr interessant, weil da sich ein Blick vielleicht öffnet auf dieses innere Motiv. Bisher haben wir das ja, eigentlich habe ich das ja versucht so zu beschreiben, dass es wie so ein, wir gucken in so einen Kasten, was passiert denn da? Und morgen würde ich gerne etwas vorbringen, wo man so ein bisschen vielleicht schon reinfühlen kann, wo man ein bisschen mehr in das Herz, in das Gemüt, in die innere Motivlage einer Menschheit schaut, die jetzt schon da ganz angekommen ist, die schon vielleicht 2.000, 3.000 Jahre auch in dieser Region Landwirtschaft betreibt.

Und jetzt würde ich es gerne so machen, dass wir vielleicht ein, zwei Minuten noch Stille haben und Ruhe haben und sitzen können, dass man sich das sozusagen nochmal ganz kurz vor die Seele holt oder diesen Bogen versucht nochmal zu bedenken und zu überlegen, wo würde ich gerne jetzt noch was wissen und wo würde ich gerne noch einhaken und sich das kurz notiert. Weil wir dann einfach zwei, drei, vier Tage so Darstellungen haben und dann diese Fragen mal zusammen bearbeiten. Ich will die überhaupt nicht überspringen, ich will die sehr ernst nehmen, aber ich kann es nicht zwischendurch, weil das sind doch relativ schwierige, lange Bögen und es macht auch Sinn, weil manche Frage wird dann sowieso am nächsten oder übernächsten Tag besprochen und dann ist es gut, ihr habt die dann parat. Also das wäre mein Vorschlag, dass wir jetzt, wir haben ja noch eigentlich ein bisschen Zeit, dass wir nochmal so zwei, drei Minuten Ruhe nachsinnen und sich was festhalten, wo man denkt, da würde ich jetzt eigentlich gerne einhaken, Widersprüche, Ergänzungen, Unverständnis, Erweiterungen, alles das kurz in eine Frage oder in zwei, drei Stichworte formulieren und festhalten. Herzlichen Dank.

Vielen Dank.

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