14. Folge biodynamischer Grundkurs im November 2025 - ein Vortrag von Martin von Mackensen, 2025

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Martin von Mackensen mit der 14. Folge vom biodynamischen Grundkurs im Rahmen des Novemberkurses am 20. November 2025 vor den Azubis der biodynamischen Ausbildung in der Landbauschule Dottenfelderhof

+++ Stand 24. November 2025: Dieser Text ist eine automatische Transkription und muss noch von Hand überarbeitet werden. Du kannst hier gerne MitTun? +++

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Transkription 14. Folge vom 20. November 2025

Die funktionelle Dreigliederung als Grundlage 00:00:58

Martin von Mackensen:

Ja, wir haben heute ein besonders schönes kleines Kapitel des biodynamischen Landbaus und wir können auch einmal ganz klar sagen, woraus es kommt oder wie man es überschreiben würde. Es ist Rudolf Steiner, der mitten in dem Landwirtschaftskurs plötzlich sozusagen den Gutsherren und Landwirten und all denen, die da sind, sagt: "Ja, also wenn Sie eine Landwirtschaft machen wollen und wenn Sie diese ganzen Fragen der Düngung und so weiter haben, dann der Mensch wird zur Grundlage gemacht."

Das ist das Zitat. Und so würde ich diese Stunde auch überschreiben. "Der Mensch wird zur Grundlage gemacht" und das ist die Einführung in die physiologische, die funktionelle Dreigliederung. Und das kann man gar nicht oft genug machen und es ist ein sehr, sehr wesentliches Erkenntniswerkzeug der Anthroposophie und der Biodynamik. Und das kann man auch auf unterschiedliche Weisen machen. Und wenn man die Ideengeschichte dieser Sache studieren will oder wenn man sich damit beschäftigt und fragt sich, wo kommt das eigentlich her, dann findet man einen sehr, sehr guten Aufsatz bei Christoph Lindenberg, der einmal im Rahmen einer Ideenskizze – was sind eigentlich die großen Ideen der Anthroposophie – der das einmal sehr gut ausarbeitet, wer das schon gedacht hat und wo Steiner das eigentlich hernimmt. Da will ich einfach nur darauf verweisen, dass man eine Quelle hat, wenn man da tiefer einsteigen will. Christoph Lindenberg, "Die Idee der Dreigliederung bei Rudolf Steiner".

Und wir wollen das jetzt ganz frei, unabhängig aus diesem Kontext für uns erschließen. Und ich habe mich viel damit beschäftigt und habe ganz verschiedene Zugänge für mich auch entwickelt und würde eben gerne den mit euch machen, den ich eigentlich den besten finde. Wo man es am einfachsten hat und wo man eigentlich am stärksten mitkriegt, was das eigentlich ist.

Und das heißt: Wir gehen über die Formen. Wir versuchen, die Formen zum Sprechen zu bringen. Und es ist ein grundsätzliches biodynamisches Prinzip. Ist auch ein grundsätzlich landwirtschaftliches Prinzip, aber in der Biodynamik wird das sozusagen zur Methode erhoben. Das heißt, man geht da geordnet, gesichert, geprüft, kritisch sich hinterfragen, in Kommunikation: Kann der andere das auch nachvollziehen? Insofern geht man eigentlich wissenschaftlich davor, dass man über die Formen versucht, zu den Prozessen zu kommen, von denen die Formen Ausdruck sind.

Das meine ich mit "die Formen zum Sprechen bringen". Wie kann ich eigentlich in den Erscheinungen – wie wir es heute Morgen da oben auf diesem Acker hatten mit dem Windfang, wo wir plötzlich vor so einer Zwischenfrucht stehen, die schon sozusagen im Abreifen ist und wo man sich fragt: Was ist denn hier eigentlich los? Überall woanders steht die so hoch und ist voll noch am Wachsen und Blühen. Und jetzt sieht man da etwas ganz anderes und jetzt kann man genauer gucken und jetzt kann man aus den Formen der Blätter, aus den Farben der Blätter, aus den Längen und aus den Verhältnissen, aus den Erscheinungen in der Erde, kann man von den Formen zu den Prozessen kommen, die da passiert sind, die da eigentlich jetzt dieses Problem verursacht haben.

Und diese Methodik, das Erkennen, das Sprechen lassen, das sich ausdrücken lassen der Formen, kann man diese Idee der Dreigliederung am Menschen immer wieder zur Grundlage nehmen. Und ich glaube, das ist gemeint, wenn Rudolf Steiner das plötzlich so raushaut. Ja, sie müssen einfach den Menschen zur Grundlage machen. Das ist für den Organismus, für die Ganzheit der Landwirtschaft das entscheidende Ding. Es geht nicht darum, dass man sagt, sie soll sozusagen so sein wie ein Mensch oder einen Menschen darstellen. Das ist irgendwie verrückt, sondern die Prinzipien, die Funktionsprinzipien findet man da genauso wie beim Menschen. Und die zu studieren, darauf kommt es an.

Wahrnehmungsübung: Der eigene Körper 00:06:04

Martin von Mackensen:

Und da wollen wir einsteigen. Und ich würde das so machen, dass ich euch bitten würde, sich einmal hinzustellen und sich mit mir zusammen ein paar Minuten über die eigene Gestalt, ein bisschen am eigenen Gefühl von innen etwas zu erleben.

Also vielleicht erst mal ein bisschen sich zu lockern, dass man überhaupt sozusagen mit dem Gefühl wieder da rein kann, weil ihr sitzt da ja und so. Dass man einfach mit dem Kopf den Hals, die Wirbelsäule so ein bisschen, die Schultern, die Arme drehen, mal hoch runter, dass man überhaupt mal so merkt: Wo kann ich überhaupt mich bewegen? Dann mal ganz tief runteratmen. Geht ja viel rein. So, der Bauch, die Hüften, da oben der Rücken, der Popo, die Schenkel hier, die Oberschenkel, die Knie auch mal zur Seite, die Füße unten. Dann einmal genießen, dieses vorne, hinten über die Brücke des Fußes und jetzt sozusagen nicht schlapp, aber locker erst mal so dastehen und da bin ich.

Und jetzt würde es darum gehen, das eigene Empfinden – durchaus mit betasten, von innen, von außen, mit den Händen, wie auch immer – mitzukriegen: Wie ist eigentlich mein Kopf? Und dazu kann man auch nicht krampfig, locker... wie fühlt er sich von innen an, wie habe ich eigentlich eine Wahrnehmung von außen, da sind meine Haare, meine... vielleicht auch mal ganz zart über die Ohren streichen, da den Unterkiefer herunter, der Hals, der Hinterkopf. So, und jetzt das Gefühl von innen, diese wunderbare Kopfsituation.

Und jetzt das volle Gegenteil bis runter in den Fuß und vielleicht sogar die Zehen, der Große... die großen Zehen kann man bewegen, kann man gegen den zweiten Zeh so ein bisschen schnippen. So, dann kann man da mal so insgesamt über den ganzen Fuß vom Hacken über innen nach vorne zum großen Zeh, über die Spitzen der ganzen Zehen zum kleinen, kleinsten Zehen und außen wieder zurück und durchaus das Ganze noch zwei, drei Mal, auch gerne mit ein bisschen Kraft, wirklich da drauf stehen sozusagen in diesem Moment und merken, was für eine coole, coole Situation ist das, dass ich da alles das machen kann. Ich kann ganz vorne stehen, ich kann ganz außen stehen, ich kann ganz innen stehen, ich kann ganz hinten stehen und brauche mich dazu eigentlich gar nicht riesig bewegen, sondern bin da unten eigentlich ständig, ist da alles möglich. Und dasselbe vielleicht noch mal so mit der Hand, ob oben oder unten, ist eigentlich ganz egal. Einfach diese unglaubliche Beweglichkeit.

Gut, damit hätten wir ein bisschen ein Gefühl von unserem Kopf und von unseren Gliedmaßen an dem ganz äußersten Ende. Und jetzt vielleicht erst mal ohne berühren, Hände noch mal hängen lassen und an die Stelle unter dem Kinn, über der Brust, wo dieser wunderbare Schlüsselbeinknochen ist und den raus bis an die Schultern. Diese kann man auch gerne jetzt mal spüren, dieser Knochen, der uns hier außen... vielleicht könnt ihr auch so mit den Fingern außen einmal die Schultern da berühren und dann wieder zurück über diesen Knochen da vorne hin. Und dabei vielleicht jetzt noch ein Gefühl für das, was da drunter ist. Unsere obere Mitte oder überhaupt unser ganzer Rumpf.

Betrachtung am Skelett: Form und Funktion 00:12:28

Martin von Mackensen:

Ja, das genügt mir schon, einfach dass wir es auch selber gefühlt haben. Und jetzt dürft ihr euch gerne auch wieder hinsetzen und wir schauen uns das noch mal an beim Skelett. Ja, das hat ein bisschen was verdreht, deshalb steht der so komisch da. Ja, es ist ein bisschen was kaputt gegangen, leider. Der ist irgendwie nicht kaputt, aber das muss man ganz vorsichtig wieder dran machen und das ist sehr wertvoll, weil es ist ein echtes Skelett, es ist kein Plastikskelett. Und ich bin da sehr froh, dass wir das haben, weil es doch noch mal anders damit ist, die Formen zum Sprechen zu bringen.

Wenn wir den Kopf anschauen und eben auch dieses Gefühl bei uns selber, dann ist es ja wirklich etwas ganz Geschlossenes, ganz ruhig, ganz rund, wie in sich abgeschlossen. Und wenn wir jetzt auf das schauen, was die Enden der Gliedmaßen sind, dann haben wir diese wunderbare Strahligkeit. Also das eine ist eben rund, geschlossen und das andere unten oder außen ist strahlig oder strahlen. Und ja, ist das... wie könnte man das noch sagen? Es ist nicht nur offen, sondern es hat eigentlich gar keine innere Raumgestalt, sondern es kann Raum bilden in jeder Form. Ich kann so machen oder ich kann so oder ich kann mit meinen Füßen winkeln und ich kann den Hang runterfahren mit Skiern und was weiß ich. Oder ich kann mit dem Fahrrad fahren. Aber Erscheinungen so im Festen ist da gar nichts. Man hat eigentlich den Eindruck, diese 1, 2, 3, 4... das 1, 2, 3 strahlen, dann die 4 sind in den Handwurzelknochen und dann hat man die 5 der Finger. Diese Struktur ermöglicht diese geniale Fähigkeit, alles zu machen, alles abzubilden und gleichzeitig für sich überhaupt nicht jetzt irgendwie eine Form zu sein. Das wäre irgendwie ganz komisch. Man sagt ja, das ist die typische Gliedmaßenform. Nö, die ist immer anders.

Und was ist in der Mitte dieser Bereich? Den könnte man vielleicht so charakterisieren: halb offen. Also ein Bereich, der sich dadurch auszeichnet, dass wir hier oben dieses, was wir als letztes hatten, diese wunderbare schon halb geschlossen und eben diese wunderbare Drehung dieser Knochen und man kann sich sehr leicht in so einen Zustand begeben, wo man das Gefühl hat: Ich kann mich selber führen, ich kann selber wie aufgehängt sein aus diesem Bereich heraus. Und alles darunter ist irgendwie so. Und da drinnen scheint es ganz weich, ganz lebendig, ganz veränderbar, geheimnisvoll, geschlossen so zu sein, sodass man sagen kann: Hier ist eine gewisse Tragfähigkeit für das, was da drunter kommt. Und hier innen drin ist eine sehr irgendwie geheimnisvolle Innenwelt.

Und nach unten, das haben wir jetzt eben nicht gemacht, aber das kennt ihr auch alles und das sieht man jetzt wunderschön hier vorne, ist eigentlich etwas, was wie von unten gegenhält, das Becken. Das ist eine ganz merkwürdige Form eigentlich, gerade beim Menschen, dass das Becken eigentlich wie so... so wie so eine Halbschale oder eine Viertelschale oder Drittelschale ist, die eigentlich dieses von oben Halbgeschlossene mit den Rippen von unten wieder hält. Und gleichzeitig damit dieser Übergang ist in die Beweglichkeit der Gliedmaßen.

Und so können wir sagen, wir haben in diesem menschlichen Skelett etwas, was erscheint in Formen, die verdeutlichen, verursacht sind, die sozusagen ausdrücken die Prozesse, die da walten. Die Prozesse, die da jeweils passieren. Im Schädel, am Schädel ist eigentlich sehr viel Ruhe. Das einzige, was sich da bewegt, ist das, was ich jetzt bewege und was ihr nicht bewegt, der Unterkiefer. Und wenn man den Unterkiefer einer Kuh sieht, dann hat man wirklich den Eindruck, der ist schon fast wie ein Gliedmaß. Das ist eigentlich gar nicht mehr Kopf. Das ist ein riesiger Bewegungsapparat, ein Bewegungsorgan, eine Möglichkeit, diese dauernde Tätigkeit durchzuführen. Aber eigentlich ist der ganze Rest sehr auf Ruhe, sehr auf Innen bezogen. Da gibt es ein Innenleben, was entscheidend ist.

Und wenn man zu den Gliedmaßen kommt und das sich anschaut, dann geht alles darum, dass die eigentlich nichts sind, sondern sie sind die Gestaltungsmöglichkeit in der Außenwelt. Sie sind das, womit ich den Tisch spüren kann, die Kante spüren kann und den Tisch anheben kann. Und weil ich vorher das irgendwie abschätze, kann ich sogar gleich mit der richtigen Kraft... Ich mache das hier so, jetzt gerade die Bewegung. Ich hole das von allem, hier sogar aus den Knien her, dieses Hochheben. Ich habe mit meinen Gliedmaßen die Möglichkeit, in der Welt etwas zu bewegen, mich zu bewegen, die Welt zu verändern, ein Musikinstrument zu spielen, einen Volleyball mit den Fingern zu spielen. Unglaublich, was wir können mit unseren Gliedmaßen und wie sie auf die Außenwelt bezogen sind. Ein Außenweltbezug oder ein Sich-in-die-Welt-Begeben.

Polarität: Kopf-System und Gliedmaßen-System 00:19:20

Martin von Mackensen:

Und wenn wir uns jetzt noch mal diese Polarität deutlich machen, dann muss man sagen: In unserem Schädel, mit unserer Schädelbildung sind wir sehr früh in unserer Entwicklung auch schon sehr perfekt, sehr fertig, sehr ausgestaltet. Und wir erkennen uns auch über unseren Schädel, über unsere Sinnestätigkeit. Und in unseren Gliedmaßen sind wir eigentlich gegenüber vielen Tieren ganz embryonal geblieben. Wir haben eigentlich im Schädelbereich, im Sinnesbereich eine hohe Perfektion schon als ein Tage alter Säugling. Und unsere Gliedmaßen sind bis zum Ende des Lebens gegenüber vielen Säugetieren sehr unperfekt, sehr angedeutet, sehr juvenil, sehr nicht fertig, nicht ausgestaltet.

Und das gibt uns die Möglichkeit, auf ganz verschiedene Weise in der Welt zu sein. Immer amateurhaft. Wir sind längst nicht so perfekt wie die Säugetiere. Die können das immer an irgendeiner Stelle viel, viel besser als wir. Aber an einer oder an zwei oder in einem bestimmten Bereich. Und wir können es an vielen, aber überall nicht gut. Überall nur ein bisschen. Und wir müssen eigentlich ständig in unserem Zugriff, in unserer Gestaltung, in unserem Verhältnis zur Welt durch unseren Gliedmaßenmenschen, durch unser Tätigsein mit unseren Gliedmaßen perfekt werden. Wir sind es nicht. Wir sind da immer Anfänger. Und deshalb spielt es für eine Pädagogik eine Riesenrolle, dass man lernt, ein Instrument zu spielen. Dass man lernt, mit den Händen und den Beinen zusammen Springseil zu springen. Oder dass man lernt, eben auf einem Balken zu gehen, den ganzen Körper zu benutzen, um mit den Füßen da in diesem Ziel zu bleiben. Oder dass man lernt, zu schwimmen. Dass man also mit den Gliedmaßen übt, übt, übt und in der Welt zu Hause ist. Die Welt gestaltet sich von der Weltgestaltung, ist in Verbindung mit der Welt.

Und wenn man jetzt sich fragt, was ist dann der große Unterschied? Da muss man sagen: Hier ist die Perfektion zu Hause und hier ist der Amateur oder das Üben zu Hause. Hier muss ich ständig sich entwickeln und überhaupt einen Zugang zur Welt bekommen. Und wenn wir nicht mehr Jugendliche, nicht mehr Kind, nicht mehr Säugling sind, sondern wenn wir dann ins Erwachsenenalter kommen, wo jetzt die große Frage ist: Wollen wir noch weiter was lernen oder sind wir so, wie wir sind und funktionieren so und sind mit uns zufrieden? Wenn wir noch weiter etwas wollen, wenn wir uns noch weiter bemühen, dann ist es hier etwas völlig anderes als hier.

Hier muss ich die Perfektion in meinem So-Sein, in meinem Intellekt, in meiner Gedankenbildung, in meiner Sprache, in meiner Kommunikation, in meiner Wahrnehmung von der Welt, da muss ich versuchen, nicht stehen zu bleiben. "Es ist alles so, wie ich es schon immer weiß. Jetzt haben wir wieder besprochen, wie alles zu verstehen ist." Dann bin ich stinklangweilig. Auch mir selber gegenüber. Wenn ich sowieso schon weiß, wie alles ist, bin ich eigentlich schon gestorben. Ich muss ständig diese Perfektion, die ich da habe, von meiner Organisation her, die muss ich ständig überwinden. Ich muss ständig daran arbeiten, nicht perfekt zu sein. Mir die Frage [stellen]: Könnte das auch anders sein? Stimmt denn das überhaupt? Wer bist du denn wirklich? Jetzt hast du mich geärgert, jetzt fühle ich mich beleidigt oder so. Nein, das war gar nicht Absicht. Und so bist du. Das ist eine Überwindung. Ich muss ständig inhaltlich, innerlich daran arbeiten, nicht in meiner Perfektion abzusterben.

Und mit meinen Gliedmaßen, da kann ich dann irgendwas als Erwachsener. Und die Frage ist jetzt nicht, wie werde ich noch mit 70 zum Supersportler, sondern wie setze ich meine Gliedmaßenfähigkeit, wie setze ich, dass ich ein Mensch bin, der ein bisschen was kann, wie setze ich das ein? Wem dien' ich eigentlich? Welche Idee? Bin ich eigentlich nur damit beschäftigt, Geld zu verdienen und es mir dann möglichst irgendwie gut gehen zu lassen? Und die anderen sind mir eigentlich egal. Ich muss mich gerade noch so viel bewegen, dass ich nicht krank werde und dass ich das, was ich kann, auch erhalte. Aber eigentlich üben will ich nicht mehr. Hier ist die Frage: Kann ich das, was ich habe, überwinden und ein Suchender, ein sich Bildender, ein sich Entwicklender bleiben, werden? Und hier ist die Frage: Kann ich eigentlich wieder jung werden? Kann ich eigentlich dahin kommen, dass ich mich immer wieder frage: Wie könnte es eigentlich anders sein? Was will ich eigentlich mit meinen Fähigkeiten?

Das Rhythmische System: Ausgleich und Mitte 00:25:21

Martin von Mackensen:

Also das kann man auch auf die Biografie beziehen. Aber wir haben jetzt überhaupt noch nicht gesprochen über diesen mittleren Bereich. Und der mittlere Bereich zeichnet sich dadurch aus, dass ich da halbbewusst bin. Ich kann meinen Atem anhalten, aber zum Glück gibt es auch eine Weisheit in mir, die eben ganz unbewusst ist, dass ich irgendwann wieder anfange zu atmen. Und ich kann ein Stück weit auf meine Verdauung, auf meine Stoffwechseltätigkeiten einen gewissen Einfluss nehmen, aber eigentlich lebt es in dem ständigen Ausgleichen.

Die mittlere Organisation, das Mittlere des Menschen, die rhythmische Organisation, das Hin und Her, ist ständig eigentlich Ausgleich. Ich habe ein Ziel, das nehme ich aus meinem Bewusstsein, das habe ich mit meinem geistig Inneren, da will ich schnell hin. Und jetzt geht meine Organisation los und ich renne dahin. Und der Ausgleich zwischen beidem – dass ich ein Ziel habe, das könnte ich beschreiben, das kann ich sozusagen innerlich: Da hinten, da ist der Motor, den muss ich jetzt anmachen damit und so weiter. Das ist erst mal gedanklich gefasst. Und die Organisation, die mich jetzt dahin trägt, die das macht, die gehorcht mir glücklicherweise meistens. Und wer es ausgleichen muss, ist meine Mitte.

Nach wenigen Minuten fange ich an, kräftig zu atmen. Nach wenigen Minuten fängt mein Blut an, richtig zu pulsieren. Nach wenigen Minuten fängt es an, dass meine Muskeln versorgt werden durch meinen Kreislauf. Ich bin sozusagen mit dieser Mitte ständig dabei, auszugleichen. Und wenn ich im Sessel sitze oder am Tisch sitze und überlege: Wie mache ich das jetzt, was hintereinander, wie kriege ich diese Sache auf die Reihe? Und da still und stumm und leise und mich konzentriert beschäftige, dann merke ich nach einer relativ langen Zeit: Ich werde ja kalt, irgendwie ist das hier alles so fest und starr.

Ich saß gestern Abend spät im Zug und da war eine junge Frau, die schrieb da sehr konzentriert, ich saß da so. Man merkte so richtig, wie sie eigentlich in dieser Konzentration, wie ganz drinnen war und wie sie ständig irgendwann sich was machen musste, damit sie überhaupt noch in ihrem Leib bleibt. Man hat eigentlich dann die Tendenz, da rauszugehen und mit diesem Inhalt und diesem ganz da drinnen zu sein. Und man muss sich richtig irgendwie halten, dass man noch da bleibt. Das spürt man sofort. Und jetzt... ja es kommt jetzt darauf an, so viel das zu tun, dass man plötzlich merkt: Ja jetzt muss ich wieder mich bewegen, dann drehen sich die Gedanken auch im Kreis, man kommt dann auf nichts mehr Neues. Man braucht dann ein bisschen Bewegung und man kann eigentlich wahnsinnig glücklich sein, dass man überhaupt da eine halbe Stunde sitzen kann, obwohl man dabei dann irgendwann so ein bisschen abstirbt. Auch beim Bildschirm ist das so eine Sache. Man müsste eigentlich eine Maus haben, die so ist und man dürfte Computer niemals machen, ohne zu stehen. Wo man ständig sich irgendwie bewegen muss und wäre das und so große Tasten, dann wäre es eine ganz andere Sache. Da würde man nicht dieses Einfrieren haben. Und da würde man auch ziemlich schnell merken: Es ist eigentlich sehr langweilig hier. Also wie kriegt man das hin? Es wird für euch eine Rolle spielen in den nächsten 30, 40 Jahren. Wie kriege ich meinen Bewegungsmensch mit meinem Gedankenmensch irgendwie so zusammen, dass da immer wieder neu Harmonie aufgesucht wird?

Also ich wollte eigentlich an den beiden Geschichten nur sagen, wie toll es ist, dass wir das können und dass wir unbewusst, ohne dass wir merken, durch unser rhythmisches System immer noch weiter versorgt werden. Und zwar, wenn wir heute als Mediziner das wissen, dann ist das gravierend. Das ist eine riesige Leistung, was unsere rhythmische Organisation vollführt, damit wir da sitzen können und Gedanken haben können und vielleicht einen Text schreiben können. Das sind riesige Leistungen des rhythmischen Systems, dass wir das können. Genauso wie es eine riesige Leistung ist, eben Sprinter zu sein oder eben mal gerade in anderthalb Stunden von hier bis hinter den Taunus zu radeln oder so. Wir haben heute Morgen den Taunus da oben verschneit gesehen. Und da gibt es Leute, die kenne ich nicht, die kennen wir beide... Ja, was, eine Dreiviertelstunde bin ich da oben so ungefähr. Der ist mit dem Auto kaum schneller. Das ist unglaublich, dass der Mensch das kann.

Ja, also hier ist Ausgleich, Halbbewusst, Ausgleich und Harmonie, Harmonisierung. Eigentlich sind wir in der Mitte nicht anwesend und nicht abwesend, so halbbewusst, halb da. Wir sind in unserer Mitte ständig am Ausgleichen zwischen diesem, man könnte auch sagen Formpol und diesem Stoffpol, würde der Schiller sagen. Hier geht alles um Stoff. Man kann natürlich auch sagen, es geht hier hauptsächlich um Stoffwechsel. Das gehört nämlich genauso zu dem Gliedmaßen-Menschen dazu. Und in der Mitte geht es um Rhythmus, um Ausgleich, um Verbindung und Lösung, um drinnen sein und wieder locker lassen.

Ja, wenn man da gerade mal eben in der Dreiviertelstunde da oben auf den Taunus radelt, das geht nicht so ganz an einem vorbei. Am nächsten Morgen merkt man da was. Und das ist das jetzt mit dem Säureabbau in diesen Muskeln und der Mixtur und so weiter, das dann doch ein bisschen Spuren hinterlässt. Und das ist aber einen Tag später wieder weg. Wie genial ist denn das? Das ist alles eine Versorgung, eine Gestaltung, die aus unserem rhythmischen System kommt. Daraus heilen wir. Gesund werden wir immer dadurch. Und jemand, der krank ist und im Bett liegt, den muss man auch dann irgendwann, wenn er so ganz phlegmatisch ist und tagelang nur noch da liegt und sich den Tee bringen lässt und so und so ganz runterkommt: "Jetzt musst du auch mal ein bisschen spazieren gehen." Oder jemand, der eigentlich nicht krank sein kann und immer noch weiter: "Jetzt legst du dich mal hin und machst wenigstens mal einen halben Tag Pause." Und dann gucken wir mal, ob du wieder wirklich hochkommst und immer noch so halb gesund bist oder ob du nicht jetzt mal eher halb krank bist und mal zwei, drei Tage liegen bleibst. Also immer diese Frage, wie funktioniert eigentlich Ausgleich? Daraus heilen wir, daraus erneuern wir uns oder das ermöglicht uns die Erneuerung, so muss man vielleicht genauer sagen. Also in der Mitte ist diese Fähigkeit auszugleichen.

Anwendung der Dreigliederung auf Tier und Mensch 00:33:30

Martin von Mackensen:

Und jetzt sage ich oben, unten oder Mitte und das ist eigentlich total Quatsch. Das ist eigentlich total blödsinnig. In jedem einzelnen Haar, in jeder einzelnen Fußnagelbildung und Veränderung sind immer diese drei Pole anwesend. Das ist jetzt das Besondere an dem Anschauen nach dem Prinzip der Dreigliederung oder an der Anwendung dieser Idee. Ich kann die im Großen finden und ich finde sie auch im Kleinen. Und indem ich sie anschaue und finde und mich frage: Wie ist das hier eigentlich?, habe ich sofort einen Blick auf das Spezielle in seiner dreifachen Art und Weise.

Also eine Spitzmaus, die wiegt vielleicht 20 Gramm, die hat einen Herzschlag von 220, die muss alle vier, fünf Stunden richtig hochkalorische Nahrung aufnehmen oder pennen. Wahnsinnig, ganz schnell und ein unglaublich tolles... das ist ein kleiner Räuber, das ist kein braves Nagetier. Und wenn die Ratte, die riesige Ratte, der weiß nicht wie viel mal größer ist und wenn die irgendwie bedrohlich wird, dann hat die Spitzmaus die Fähigkeit von hinten oben der Ratte ins Genick zu springen, sich da festzuhalten und zu beißen, bis sie ans Gehirn kommt. Sie killt die Ratte. Das muss man sich mal vorstellen. Ich erzähle von der Spitzmaus, weil die Spitzmaus ist sozusagen das Nervenbündel. Und jetzt guckt euch irgendein Tier an, was da so ganz mit viel dickem Fell und mit unglaublicher Langsamkeit und Ruhe da sein Leben vollzieht.

Also im Tierreich, das ist das super, super Tolle, im Tierreich finden wir das immer schön auseinander und viel plastischer, viel extremer, viel dominanter das jeweils Eigene und können eben immer wieder diese Frage stellen: Wie ist es dann jetzt? Was ist jetzt gesund und wo wird es pathologisch? Was bräuchte es als Ausgleich? Wie passt das? So Schweine, so Hausschweine, die sind wirklich aktiv, die sind mit ihrer Nerven-Sinnestätigkeit, hier oben sind die Sinne zu Hause, sind die unglaublich aktiv und riechen und machen da, das geht ganz schnell auch hin und her, die nehmen was wahr und dann wird das durchgekaut, wieder ausgespuckt und so weiter. Und was brauchen die unbedingt zum Ausgleich? Die müssen richtig pennen. Und so kann man da hinten vorbeigehen mittags und da sind 60 Schweine in ihren Wühlarealen und es ist eigentlich nur ein einziges Schnarchen. Also das ist wirklich erstaunlich. Habt ihr jemals irgendwie in der Mittagszeit oder irgendwann am Tag 60 Kühe gesehen, die wirklich schlafen? Nie. Die pennen mal so kurz weg und sind eigentlich so, als wäre das aus Versehen passiert, so ein paar Minuten. Und eigentlich sind sie immer so halbwach, sind gar nicht ganz wach, so Nerven-Sinnes-Typen wie die Schweine. Also das macht auf einmal den Blick ins Leben fruchtbar. Man kann mit dieser Methodik Dinge erkennen, die einem sonst gar nicht sofort so klar sind.

Und vor allem kann man eingreifen, man kann gestalten, man kann helfen, man kann sogar heilen mit dieser Anschauung, indem man eben erkennt: Hier ist jetzt ein Prozess, da ist ein bisschen zu viel Stoffwechsel an der falschen Stelle und zur falschen Zeit. Und dann hat man im Zahn einen Nerv mit einem ganz bisschen Versorgung noch aus dem Blut und da ist ein bisschen zu viel Stoffwechsel, weil da eine ganz kleine Entzündung ist und da ist kein Platz für diesen Stoffwechsel. Und das drückt ein ganz bisschen auf diesen Nerv und man kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Man ist... geht die Wände hoch, weil der Zahn so wehtut. Ein ganz bisschen zu viel Stoffwechsel an der falschen Stelle.

Oder andersrum, viele Erkrankungen in unserer Verdauung und so, da ist plötzlich ein bisschen zu viel von etwas, was man jetzt nicht Bewusstsein in dem Sinne, dass ich das jetzt spüre, sondern was ein Prozess ist, der normalerweise ein abbauender Prozess ist, der ein Prozess ist, der typisch ist für die Entstehung, für die Grundlage, für die Basis, für das, was eigentlich Bewusstsein ermöglicht. Das ist da irgendwo im Bauchraum und zack, habe ich auch eine Pathologie, habe ich auch eine Krankheit. Und jetzt als Arzt nicht zu sagen: "Oh, da ist eine Infektion, ich muss da die Infektion wegkriegen." Die muss ich auch wegkriegen und ich habe auch gar nichts gegen dieses Mittel, wenn es hilft und wenn man überschaut, was es macht. Aber Heilung ist mehr. Heilung ist jetzt dafür zu sorgen, dass das wieder in das richtige Verhältnis kommt. Das heißt, dass da, wo zu viel Stoffwechsel ist, ein bisschen der Stoffwechsel reduziert wird und vielleicht an einer anderen Stelle zu stärken wäre. Und dass da, wo ein bisschen zu viel Bewusstsein, wo ein bisschen zu viel abbauende Stoffwechseltätigkeit da ist, die Bewusstsein erzeugen kann, dass ich das eigentlich woanders hinleite.

Das heißt, ich fange an, den Organismus als Ganzen anzuschauen und zu fragen: Wo ist eigentlich was richtig und wo muss ich eigentlich dafür sorgen, dass die Stoffwechseltätigkeit vielleicht auch mal ein bisschen zurückgeht und die Qualität von Bewusstsein mehr eintritt? Und wo muss ich die Bewusstseinsseite, die mit den Sinnen zu tun hat, wo muss die etwas zurücktreten, damit wieder mehr von dem Stoffwechsel zustande kommt? Das heißt, ich bin ständig in diesem Bereich unterwegs. Das ist der Bereich, in dem wir heilen und handeln. Wenn wir auf den Menschen gucken, ist es sozusagen Heilung. Und wenn wir in die Natur rausgucken, ist das eigentlich das, worüber wir handeln.

Biodynamischer Ansatz: Ausgleich und Prozess 00:40:35

Martin von Mackensen:

Wir wirken im Ausgleichen. Wir können die Pflanzen nicht wachsen lassen. Wir können nicht den fruchtbaren Boden mit irgendwelchen Knöpfchen oder mit irgendwelchen Maßnahmen machen, sondern er muss entstehen. Die Pflanzen müssen selber wachsen. Den Tieren muss es selber gut gehen. Wir können nur die Bedingungen erzeugen und diese Bedingungen zu erzeugen heißt, sich bewusst sein: Was fehlt hier und was ist hier zu viel?

Und dabei ist keine statische Betrachtung von Bedeutung, sondern immer das, was wir in unserer Mitte eben haben. Ausgleich, Harmonisierung, das eine und das andere, das muss gut zueinander passen. Und es ist nie ein Ist, sondern es ist immer ein Wechsel, ein Werden, ein Prozess. In der Mitte ist Prozess zu Hause. In der Mitte ist diese Halbsichtbarkeit. Man sieht es und man sieht es nicht. Man sieht eigentlich immer die Ergebnisse. Deshalb sind die Mediziner auch oft so dabei, dass sie sagen: "Ich brauche deine Blutwerte. Ich muss hören, wie ist dein Puls und so weiter." Weil sie eigentlich das indirekt... es entsteht in ihnen mit den Blutwerten und mit dem Puls und mit dem Atmen und so weiter, haben sie innerlich entsteht ein Bild von diesem rhythmischen System dieses Patienten. Das sieht man äußerlich nicht. Das würde man auch nicht mit irgendeinem Gerät sofort sehen, sondern man hat eigentlich verschiedene Daten und jetzt entsteht innerlich ein Bild oder es ist eine Einseitigkeit in dieser oder in jener Richtung.

Und so ist es auch in der Landwirtschaft. Wir brauchen auch den Blick: Was fehlt hier? Wie entsteht hier mehr Harmonie? Was ist hier eigentlich aus dem Gleichgewicht? Und diese Anschauung zu sagen, es gibt nicht eine einfach nur besser Richtung, sondern es hat immer zwei Seiten, wenn ich sozusagen aus der Mitte schaue, das ist der biodynamische Ansatz. Das ist das, was man sozusagen durch die Dreigliederung hat. Man kann immer diese Frage stellen: Wie muss das sozusagen sich ausgleichen? Wie passen hier die beiden polaren Richtungen? Wie passt das eigentlich zueinander?

Und das Tolle an dieser Idee der Dreigliederung ist, dass es uns einen Weg gibt, der sicher ist, der begehbar ist, der hin- und hergehbar ist, über den wir kommunizieren können, an dem wir uns korrigieren können, wo man sagen kann: Wir kommen in ein Ratio, in eine Klarheit, in eine Logik, in eine Prüfbarkeit, in eine Austauschbarkeit, in ein erkenntnismäßig durchdringbares, herzwarmes, herzempfundenes, mitempfundenes, mitgefühltes Handeln. Wir handeln aus einem Empfinden in der Suche der Harmonie aus Erkenntnis. Und jetzt merken wir: Aha, diese Dreigliederung hat im Menschen diese seelische Seite von Erkennen, was uns auskühlt, was uns innerlich... es entsteht eine innere Begriffs-Mitvollziehung.

Meine große, große Fähigkeit ist: Ich kann im Anderen sein. Ich kann in der Pflanze sein. Ich kann empfinden, wie das hier ist. Und schlussendlich: Ich bin mit diesen völlig amateurhaften, völlig embryonalen Gliedmaßen in der Lage, in die Welt einzugreifen, in der Welt etwas zu verändern, den anderen Menschen zu pflegen, ihn nicht zu verletzen, sondern zu fördern, die Welt zu gestalten und nicht kaputt zu machen. Das ist alles unsere Möglichkeit mit unseren Gliedmaßen und schlussendlich sind wir deshalb auf der Welt. Man kann sich das ja mal fragen: Was macht es eigentlich aus? Warum bin ich eigentlich da? Warum habe ich mich irgendwie... ist da eine Logik drin, dass ich jetzt hier bin?

Zukunftsimpuls aus dem Handeln 00:45:34

Martin von Mackensen:

Und letztendlich geht es immer – und deshalb seid ihr jetzt auch hier – ums Handeln. Wir wollen etwas ändern, wir wollen etwas pflegen, wir wollen etwas ermöglichen, wir wollen etwas fördern, wir wollen irgendwie handelnd in der Welt sein und dieses Handeln geschieht durch unsere Gliedmaßen. Und das ist heute die schwierigste Ecke oder die vernachlässigste Ecke oder die problematischste Ecke, weil wir eigentlich durch unsere Kultur, man könnte fast sagen, das Handeln vergessen haben. Eine gewisse Zeit hat man gemeint, die Chinesen handeln für uns. Das war so vor 20, 15 Jahren. Da kam dann irgendwann ein ganz moderner Mann, der hat gesagt: "Vorsicht, das wird verrückt, wenn ihr so weitermacht mit eurer Digitalisierung, dann wird es in 20 Jahren so sein, dass ihr noch froh seid, wenn ihr für die Chinesen dann die T-Shirts machen könnt." Das war so vor 20 Jahren, der Manfred Spitzer, ein berühmter Neurologe, der das so gesagt hat: "Passt auf, da ändert sich was. Das ist Quatsch, dass ihr meint, ihr könnt nicht handeln, ihr braucht nicht handeln, die Weltordnung ermöglicht euch das." Und heute stehen wir an der Stelle, dass man sagt: "Wir brauchen nicht handeln, das kriegen dann ganz pfiffige Maschinen für uns hin." Und das Schlimme daran ist nicht, oder das Schwierige oder das Problematische daran ist nicht, dass es Maschinen machen, sondern das Problematische ist, dass wir es nicht mehr machen. Das ist diese Illusion natürlich.

In dem Handeln werden wir erst ganz Mensch. Und aus dem Handeln können wir etwas ziehen, können wir etwas erleben, können wir etwas haben, was uns eigentlich erst zu Menschen macht. Weil das ist jetzt noch die letzte Ebene an dieser Dreigliederung. Das hier ist alles sehr stark mit Vergangenheit verbunden. Und Zukunft, die ist hier. Das ist ein großes Geheimnis und eine ganz, ganz wichtige Sache, dass man sich klarmacht: Die Zukunft kommt aus der Willensseite, aus der Gliedmaßenseite, aus der Verbundenheit der Welt zu mir. Ich kann es so mal anders ausdrücken. Mit meiner Gliedmaßenseite bin ich in dem, was werden will, dass es dem anderen Menschen besser geht. Dass ein schönes Essen bereitet wird für uns alle, nicht nur für mich. Dass eine Musik erklingt. Der gute Musiker, wo ist der, wenn der richtig ein Virtuose ist? Ist nicht in dem, wie er es auswendig von den Noten gelernt hat, sondern wie er hört, wie es gleich klingen soll. Der tolle Pianist, der hört ein paar Takte, möglicherweise sogar das ganze Stück im Voraus und ist da drin. Die Zukunft kommt aus der Willensseite der Welt und nicht aus der intellektuellen Begriffswelt. Wir sind verbunden mit dem, wie es werden will, wie es werden kann, durch unser Drinnensein, durch unser Tätigsein.

Und jetzt sage ich was ganz zum Schluss, was vielleicht ein bisschen frech ist, sei mir heute erlaubt. Das ist auch eine biografische Frage. Kann ich in meinem Leben zwischen 20 und 30 sagen: Jetzt entscheide ich mich dafür, dass ich hier und das und so mache? Und damit mir völlig klar bin: Ganz viele Möglichkeiten sind jetzt erst mal nicht mehr. Aber das eine, das versuche ich in mir so deutlich, so klar, so kraftvoll zu machen, dass es mich in eine Zukunft zieht und ich Gestalter dieser Zukunft werde. Und nicht nur darin stehen bleibe zu sagen: "Ach, jetzt kann ich mal dahin reisen, dann kann ich ein halbes Jahr das Projekt machen und dann mache ich das und so und das Leben kann... das haut alles hin und so." Sondern kann ich irgendwann diesen Punkt... kann ich das für mich erreichen, intensivieren, dass ich sage: "Das alles sind ganz tolle Möglichkeiten und die können auch irgendwann mal vielleicht wieder kommen. Aber jetzt lasse ich mich von dem so ziehen, dass ich da drinne bin."

Und das bedeutet, dass ich – und jetzt spreche ich über eine neue Ebene, die gar nicht in dieser Dreigliederung so bisher angesprochen ist, nämlich das, was ich bin, das Ich-Wesen – wie kann ich mich so damit verbinden, dass etwas wird? Weil das wird nur dadurch, dass ich mich damit verbinde. Herzlichen Dank, soweit wollte ich heute kommen. Es sei mir verziehen, wenn ich jetzt damit jemanden verletzt habe, das wollte ich nicht. Aber ich finde das doch einen wichtigen Punkt, dass man sich einmal fragt – auch da ist jetzt irgendwann zwischen 25 und 35 ist irgendwann so ein Punkt, wo man mal sagen muss: Jetzt ist auch mal eine neue Phase, wo ich diesen Punkt habe, jetzt kann ich... habe ich doch ein bisschen Fähigkeiten angesammelt und natürlich hat man immer das Gefühl, ich kann es doch noch gar nicht. Aber wenn man sich verbindet – das kann ich wirklich sagen aus meiner Biografie – dann wächst einem Fähigkeiten zu aus der Not, es machen zu müssen. Das kommt aus der Zukunft, weil man sagt: "Ich bin da drin, das ist meins, ich mit meinen Händen bin in diesem Projekt, in dieser Sache drin." Und weil es da jetzt diese oder jene Schwierigkeiten gibt, diese oder jene Notwendigkeiten gibt, kommt mir ganz anders die Fähigkeiten zu, damit auch umzugehen, als wenn ich da irgendwo sitze und: "Ja, wie löst man jetzt das? Nicht so, macht doch mal bitte so oder so." Also das wollte ich gerne noch zum Schluss euch mitgeben und jetzt müssten wir noch ein paar organisatorische Sachen besprechen.

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