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Laudatio auf Peter Schnell von Manfred Klett, 2002
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Laudatio auf Dr. h. c. Peter M. Schnell von Dr. Manfred Klett vom 17. Mai 2002
Zuerst möchte ich meine große Freude zum Ausdruck bringen und dem Bundesverband Deutscher Stiftungen dafür danken, dass er die Verdienste von Herrn Peter Schnell um das Stiftungswesen mit der Verleihung der Goldmedaille für Verdienste würdigt. Hier wird auf die Leistung und die Tat eines Menschen geblickt, der in doppelter Hinsicht die symptomatischen Zeichen der Zeit erkannt und, diesen folgend, sein Lebenswerk geschaffen hat.
Beide zeichenhaften Strebensrichtungen in Peter Schnell haben ihren Ursprung in seiner behüteten Kindheit, in welcher der faustische Charakter des Vaters und die Herzensgüte und die Selbstlosigkeit der Mutter prägend waren. Peter Schnell wurde 1938 in Berlin geboren. Nach der Bombardierung des Hauses 1943 verschlug es die Familie nach Alsbach bei Darmstadt. Peter Schnell empfand es als ein gnädiges Schicksal, dort, umgeben von Wäldern die er liebte und in die sich das kindliche Gemüt gerne in die Einsamkeit zurückzog, eine so lange und ungestörte Kindheit erlebt haben zu dürfen, auch wenn sie materiell sehr entbehrungsvoll war. In ihm regte sich schon früh eine hohe Begabung und ein intensives Interesse für die Naturwissenschaften und die Mathematik. Mit 16 Jahren, noch als Schüler, gründete Peter Schnell in Darmstadt den ersten Go-Club, eine Gemeinschaft von Freunden des japanischen Brettspiels Go, das in seiner Komplexität, Flexibilität und Eleganz das Schachspiel deutlich überbietet. So wurde er auch selbst in dieser Zeit japanischer Amateur-Meister dritten Grades und einer der besten Go-Spieler Europas. Mit 18 Jahren wollte er Chemie studieren, um Kunststoffe zu erfinden. Zur selben Zeit aber nahm sein Schicksal die Wende in Richtung des für ihn zunächst bestimmenden Zeitzeichens. Über das Go-Spiel kam er mit der Technischen Hochschule Darmstadt und dort mit der ersten kommerziellen elektronischen Rechenanlage dieser Zeit, einer IBM 650 in Kontakt, die ihm zum Schlüsselerlebnis wurde. Das Wort "Computer" wurde damals noch nicht benutzt. Für heutige Verhältnisse war diese Rechenanlage ein "2-Millionen-DM Ungetüm", denn das Preis-/Leistungsverhältnis für Rechner hat sich seit dieser Zeit, also in ca. 45 Jahren, um etwa den Faktor eine Million verbessert. Dieses Erlebnis bestimmte ihn, nach dem Abitur 1958 Mathematik und Physik bei Prof. Walther in Darmstadt zu studieren. Parallel zu seinem Studium befasste er sich ständig mit der Programmierung in der Datenverarbeitung, gab darüber unzählige Kurse in Programmiersprachen, betrieb Entwicklungsarbeiten bei EURATOM (1961-62) und war dann vollzeitbeschäftigt beim Deutschen Rechenzentrum in Darmstadt mit der wissenschaftlichen DV-Modellentwicklung in den Gebieten Medizin, Psychologie, Ingenieurwesen, Physik und Wirtschaftswissenschaften. 1965 schloss er sein Studium mit einer Diplomarbeit ab, in der er eigene algorithmische Erfindungen verarbeitete. Nach Zwischenstationen in der pionierhaften Entwicklung von Basissoftware wurde er 1969 Mitbegründer und Vorstand der Software AG.
Den Zeichen der Zeit folgend, gab Peter Schnell 1971 der weltweiten Entwicklung der Datenverarbeitung mit seiner Erfindung des Datenbanksystems ADABAS auf IBM/Siemens Großrechnern und dessen erfolgreicher kommerzieller Installation einen entscheidenden Schub. Die Erstinstallation war übrigens bei der Westdeutschen Landesbank. Dieses System erlangte in den folgenden Jahren Berühmtheit und wurde ein durchschlagender Erfolg. Er durfte sich bald rühmen, dass sehr viele der weltweit führenden Unternehmen mit seiner Datenbanktechnologie arbeiteten. 1982 stieg die Zahl der ADABAS-Benutzer bereits auf 1.000 an. Dies hatte eine rasante Expansion der Software AG zur Folge. 1972 wurde Peter Schnell Mitbegründer der Software AG of North America; es folgten die Schaffung von Kundenbasen in Großbritannien (1974) und in Japan (Software AG Far East, 1976). 1996 war die Software AG mit 28 Tochtergesellschaften in 80 Ländern, bei einer Mitarbeiterschaft von weltweit über 3.300 gegenüber 13 im Jahr 1972, tätig. 1978 verfügte die Software AG über ihr erstes eigenes Rechenzentrum und 1979 entstand als zweite pionierhafte DV-Technologie das System NATURAL (später "Vierte Generation-Technology" genannt). 1991 folgte die Einführung der neuen ENTIRE-Technologie. Die rasante Entwicklung spiegelt sich in den Umsatzzahlen von einer Million DM 1971 auf weltweit 800 Millionen DM 1996.
Nach fast zwei Jahrzehnten einer gewaltigen, in jedem Schritt pionierhaften Aufbauleistung, übergab Peter Schnell 1996 die Verantwortung der Firmenleitung an seinen Nachfolger. Nach seinem Ausscheiden wurde 1999 der Beschluss zum Börsengang gefasst.
Parallel zu dieser äußeren, ein maßgebliches Zeichen der Zeit aufgreifenden Entwicklung, hat das Schicksal eine innere Sprache gesprochen, die Peter Schnell den Entschluss fassen ließ, sich einer ganz anderen, den Zeitforderungen sich verpflichtenden Aufgabe zu stellen. Aus erster Ehe wurden ihm zwei behinderte Söhne geboren. Ihre Pflege und Erziehung übernahm das Heil- und Erziehungsinstitut Bingenheim, in dessen Umgebung Peter Schnell mitwirkte und wo er selbst bedeutende Impulse und Einsichten für seine Lebensorientierung empfing. 1986 gründete er, für den Erwerb und den Ausbau eines großen Anwesens, einer heilpädagogischen Lebensgemeinschaft in Stockhausen (im Vogelsberg), seine erste Stiftung, nämlich die noch heute aktive Michael-Stiftung.
Das Schicksal wollte es, dass später seine beiden Söhne in diese Lebensgemeinschaft umzogen, wo sie heute noch leben und arbeiten. Das Schicksal seiner Söhne hat Peter Schnell auf den Weg geführt, seine nach außen so erfolgreiche Strebensrichtung in die andere zu verwandeln, sich in Freiheit der Zeitforderung nach der Sozialpflichtigkeit des Eigentums zu stellen. Er suchte nach einer Form, in der er seinen sozialen Helferwillen am besten zur Wirksamkeit würde bringen können.
Die Software AG war primär nicht um des wirtschaftlichen Erfolges willen aus der Idee geboren, Software-Instrumente zur Arbeitsersparnis zu schaffen. Dies hieß Rationalisierung in der Datenverarbeitung, und nicht Rationalisierung mit der Datenverarbeitung. Damals war das ein pionierhafter Ansatz. Es war das Bestreben, bessere Technik zu schaffen. In unzähligen Gesprächen mit Vorständen und Mitarbeitern prägte diese Idee den Geist der Firma. Es galten die Grundsätze:
Erstens mit Geld nie Macht auszuüben; zweitens zu berücksichtigen, dass mit Geld soziale Impulse im Keim erstickt werden können und drittens, Verständnis für das Wesen und das Streben der anderen zu suchen.
Für Peter Schnell war der wirtschaftliche Erfolg der Software AG Mittel zu einem höheren Zweck. Geld zu Reichtum oder Macht zu horten widerstrebte ihm immer. Schon in den Anfängen der Firma galt, wo immer Not war oder Neues werden wollte, war er mit großzügiger Hilfe zur Stelle. So war es folgerichtig, dass er, seit 1981 alleiniger Aktionär der Software AG und im Widerstreit zum anderen Vorstand, 1992 alle Aktien in zwei Stiftungen einbrachte. 98 Prozent der Unternehmeraktien wurden in die gemeinnützige Software AG - Stiftung in Darmstadt eingebracht. Die restlichen zwei Prozent kamen erst 1999 aus der anderen Stiftung dazu.
Die Idee, die Erträge der Arbeit aus der persönlichen Verfügungsgewalt herauszunehmen, lebte in ihm schon lange. Jetzt war der Augenblick gekommen und die Form gefunden, um sie in die Tat umzusetzen. Seit dem Börsengang der Firma 1999 zählt die Software AG - Stiftung mit einem Ausschüttungsvolumen von 26 Mio. Euro im Jahr zu den zehn größten in Deutschland.
Peter Schnell gründete die Software AG - Stiftung im Alter von 54 Jahren. Dadurch war es ihm möglich, seine volle unternehmerische Schaffenskraft und Schaffensfreude in den Aufbau, die Durchgestaltung und die Leitung der Stiftung einzubringen. Dies sei zugleich als ein Appell an alle Stiftungswilligen hierzulande verstanden, biographisch rechtzeitig einen solchen Entschluss zu fassen. In der Organisation der Stiftung geht es Peter Schnell um höchste Effizienz im Sinne einer klaren Orientierung auf das zu fördernde Projekt, nicht als Aktenvorgang, sondern in Form des Gespräches mit den Menschen, die das Projekt betreiben oder betreiben wollen. Das bedeutet auch die Vermeidung unnötiger Regeln, sprich Bürokratie. Ferner ist festgelegt, nicht mehr als dreißig Mitarbeiter zu beschäftigen, um der Anonymität entgegen zu wirken. Ein Weiteres ist die Automatisierung aller administrativen Vorgänge.
In den Zielen der Software AG - Stiftung lebt sich unmittelbar der positive Zukunftswille des Zeitgeistes aus: Die Gemeinschaft, vertreten durch die Stiftung, fördert die freie, individuelle Initiative des Einzelnen, indem sie zu erspüren sucht, was in der Zeitnotwendigkeit liegt. Es gilt die Devise: nicht darauf kommt es an, woher der Wind weht, sondern wo Menschen bereit sind, selber die Segel zu setzen. Der Schwerpunkt der Förderung liegt auf dem Gebiet der Heilpädagogik, Sozialtherapie, Pädagogik, Jugendarbeit, Altenhilfe, Heilung der Umwelt und der von Goethe entwickelten Methodik des Forschens, insbesondere auf dem Gebiet der belebten Natur und konkret in der Pflanzenzüchtung. Diesem ganzheitlichen Forschungsansatz liegt das Bestreben zugrunde, die Vielfalt der Kulturpflanzensorten, das "Lebenskulturgut" der Menschheit zu erhalten und weiter zu entwickeln. Dank der Förderung durch die Software AG - Stiftung kann so in einer dem ökologischen Landbau gerecht werdenden Pflanzenzucht dem allgemeinen Trend entgegengewirkt werden, der auf dem Wege des extremsten Reduktionismus, das heißt des gentechnischen Eingriffs, darauf abzielt, die Verfügungsgewalt über das genannte Kulturgut zu kommerzialisieren und zu monopolisieren. Ferner ist die Stiftung bestrebt, selbst Projekte zu initiieren. Auf den genannten Gebieten wurden seit 1999 über 1.000 Projekte im In- und im Ausland gefördert.
Das Wirken der Software AG - Stiftung unter ihrem Vorsitzenden Peter Schnell hat sich über die Landesgrenzen Deutschlands hinweg auf viele Länder Europas, auf die USA und Brasilien ausgeweitet. Sehr viel Segensreiches, Heilsames und Entwicklungsträchtiges ist bereits fruchtbar geworden und kann durch die Förderung dessen weiterhin fruchtbar werden, was als keimhafter Wille in vielen Menschen danach strebt, in einem menschenwürdigen Sinn "Zukunft zu wollen."
Ich möchte auch im Namen aller Menschen, die bisher einer Förderung teilhaftig wurden, Herrn Peter Schnell zur Verleihung der Goldmedaille des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen auf das Herzlichste beglückwünschen, der Software AG - Stiftung immer wieder "Auf zu neuen Ufern" zurufen und der Hoffnung Ausdruck geben, dass noch mancher unternehmerische Geist zum Wohle aller diesem Beispiel folgen wird.






