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Dorfprojekt Juchowo
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Dorfprojekt Juchowo
Dorfprojekt Juchowo (auch Projekt Wiejski Juchowo-Radacz-Kądzielna oder Juchowo Farm) ist ein biodynamisches Dorfprojekt in Westpommern (Polen), das seit 2000/2001 auf dem Gelände eines ehemaligen volkseigenen Betriebs (PGR) entwickelt wird. Träger ist die Fundacja im. Stanisława Karłowskiego mit Sitz in Juchowo bei Szczecinek. Das Projekt umfasst rund 1.800–1.900 ha Land (davon etwa 1.600 ha landwirtschaftliche Nutzfläche), eine große Milchviehherde, eigene Verarbeitung, soziale und pädagogische Einrichtungen sowie Forschung und Bildung. Es verbindet biologisch-dynamische Landwirtschaft mit sozialer Inklusion, Kulturarbeit und Landschaftsgestaltung im Sinne von Novalis mit „Bildung der Erde“[1].
Geschichtliche Entwicklung
Die ideelle Begründung des Projekts erfolgte 2000. Ausgangspunkt war ein stark degradiertes, teilweise verstepptes Gelände mit baufälligen Gebäuden, ehemaligem PGR-Besitz, das nach der kommunistischen Zeit in schlechtem Zustand war. Die Tochter der früheren Eigentümerfamilie Denning, Christa Himmele, geb. 1935, die als Kind das Gut verlassen hatte, suchte um 1998/1999 Unterstützung. Sie wandte sich an Manfred Klett bei der Sektion für Landwirtschaft in Dornach der sie mit der Software AG – Stiftung in Verbindung brachte.
2001 wurde die Fundacja im. Stanisława Karłowskiego gegründet (benannt nach dem polnischen Senator und biodynamischen Pionier Stanisław Karłowski, 1879–1939, der ab 1931 in Szelejewo einen großen biodynamischen Betrieb führte und 1939 von den Nationalsozialisten ermordet wurde). Im selben Jahr wurden Land und Gebäude erworben. Die Stiftung sollte den Boden langfristig sichern und somit Spekulationen verhindern.
Die Entwicklung lässt sich in Phasen gliedern:
- 2000–2006 (Aufbau der physischen Grundlage): Landrückgewinnung, Abbruch und Neubau von Ställen, Heu- und Getreidelagern, Präparatehaus; Aufbau der Herde (u. a. Brown Swiss und Holstein-Friesian); provisorische soziale und pädagogische Angebote; starke finanzielle Unsicherheit, getragen von Spenden und Stiftungen. Frühe Betriebsleitung u. a. durch Markus Sperlich.
- 2005/2006: Wechsel der Betriebsleitung zu Sebastiaan Huisman (niederländischer biodynamischer Landwirt mit internationaler Erfahrung).
- 2007–2014 (Lebensgestaltung und Bodenaufbau): Fruchtfolgen mit Humusaufbau, Kompost, Präparate, Heckenpflanzungen, Alleen, Wasserhaushalt; Ausbau der Sozialtherapie und Erlebnispädagogik; internationale Zusammenarbeit (Polen, Niederlande, Deutschland).
- Ab etwa 2014/2015: Stärkere polnische Leitung, Ausbau der Verarbeitung (Käserei, Bäckerei, Mühle), Sozialtherapie-Werkstätten, Forschungsprojekte; teilweise Abwanderung ausländischer Pioniere und Übergang zu einer stärker lokal getragenen Struktur.
Am 27. Oktober 2026 feierte das Projekt sein 25-jähriges Bestehen.
Heute beschäftigt es rund 150 Personen, darunter einen hohen Anteil von Menschen mit Behinderungen (u. a. über den Zakład Aktywności Zawodowej). Produkte (Heumilch, Käse, Gemüse, Brot, Kräuter) werden im eigenen Hofladen, regional und überregional vermarktet; es gibt Demeter-Zertifizierung und die EU-geschützte Spezialität „mleko sienne“ (Heumilch).
Biodynamische Aspekte
Das Projekt bezieht sich explizit auf Rudolf Steiners Landwirtschaftlichen Kurs von 1924 in Koberwitz (heute Kobierzyce bei Wrocław). Der Hof wird als Organismus verstanden: geschlossene Kreisläufe (Futter – Tiere – Kompost – Felder), eigene Präparateproduktion (Feldspritzpräparate 500 und 501 und Kompostpräparate), Weidehaltung und Heumilch, Züchtung auf Langlebigkeit der Kühe, Landschaftsgestaltung mit Hecken und Alleen sowie Bodenaufbau auf überwiegend sandigen, schwachen Böden.
Forschung (On-Farm und in Kooperation mit FiBL, Universitäten u. a.) betrifft Bodenfruchtbarkeit (reduzierte Bodenbearbeitung, Humus), Milchqualität (Fettsäureprofile), Tiergesundheit und -monitoring sowie Agroforst. Ziele sind Wiederherstellung der Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und eine Modellfunktion für Mittel- und Osteuropa.
Soziale und kulturelle Dimension
Neben der Landwirtschaft gibt es Sozialtherapie und berufliche Aktivierung für Menschen mit Behinderungen, Erlebnispädagogik, Workshops für Kinder und Jugendliche, kulturelle Veranstaltungen und Bildungsangebote. Das Projekt versteht sich als kultureller Impuls auf dem Land und als gesellschaftlichen Beitrag (wirtschaftliche, rechtliche und geistig-kulturelle Selbstverwaltung). Es ist Mitglied in Netzwerken wie der Krajowa Sieć Obszarów Wiejskich und kooperiert mit Schulen und Forschungseinrichtungen.
Führungsfiguren und Mitwirkende
Initiatoren und frühe Begleiter
- Dr. Manfred Klett (1933–2025): Langjähriger Leiter der Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum, Mitbegründer des Dottenfelderhofs; geistiger Vater und langjähriger Begleiter des Projekts. Er ermutigte zur Gründung, schlug Stanisław Karłowski als Namenspatron vor und unterstützte über mehr als zwei Jahrzehnte mit Rat und Netzwerk. Klett sah in Juchowo einen Keim für zukünftige Kulturarbeit im östlichen Europa. Ihm zu ehren wurde das frisch kernsanierte Jagdhaus im Rahmen des 25. jährigen Jubiläums am 28. Oktober 2026 nach "Dr. Manfred Klett" benannt.

Manfred Klett am Dottenfelderhof, Ostersonntag 2021. Foto: François Hagdorn, CC BY-SA 4.0.
- Dr. h. c. Peter Schnell (Gründer der Software AG und der Software AG – Stiftung): Gemeinsam mit Klett Initiator der Unterstützung. Die Stiftung stellte zentrale Mittel für Landkauf, Bauten, Forschung und soziale Einrichtungen bereit und sicherte die langfristige Eigentumsstruktur. Schnell und Klett waren eng verbunden; Klett hielt 2002 die Laudatio bei Schnells Auszeichnung durch den Bundesverband Deutscher Stiftungen.
Frühe Betriebsleiter
- Markus Sperlich (frühe Betriebsleitung, bis etwa 2005/2006).
- Sebastiaan Huisman (Betriebsleitung ab 2005/2006; biodynamische Ausbildung in den Niederlanden und Deutschland; prägte den Ausbau der Infrastruktur).
- Weitere Pioniere: Josef und Maria Zuchantke, Manfred Schulian, Hubert Junker, Jan-Uwe und Verena Klee, Elmar Breit, Antje Beckmann, Betty Bootsman, Theo Bloem, Krzysztof Berdyński u. a.
- Monika Liberacka im Bereich Landwirtschaft.
Spätere und aktuelle Leitung
- Aktueller Vorstand: Renata Żelazna, Edyta Iwona Hajec Leniec, Krzysztof Ostrowicki
- Weitere Mitwirkende: Urszula Sroka, Krzysztof Ostrowicki, Teresa Finkiewicz, Żaneta Geltz, Paweł Bietkowski, Waldemar Fortuna, Anna Szumełda u. a.
- Forschung und Beratung: u. a. Prof. Dr. Ton Baars (On-Farm-Research, Milchqualität, Boden; Zusammenarbeit mit FiBL und EU-Projekten wie 2OrgCows und FertilCrop).
Die Software AG – Stiftung unterstützte und beriet das Projekt langfristig, insbesondere in den gemeinnützigen Bereichen (Forschung, Bildung, Sozialtherapie, Naturschutz). Neben vielen tatkräftig engagierten Menschen und kleineren privaten Spendern vor allem aus Deutschland und der Schweiz sind sind weitere Förderer u. a. die GLS Treuhand, Mahle-Stiftung, Helixor, die DM-Stiftung gewesen.
Bedeutung
Juchowo gilt als eines der größten biodynamischen Betriebe Europas und als Modellprojekt für die Verbindung von regenerativer Landwirtschaft, sozialer Inklusion und kultureller Arbeit auf dem Land. Es knüpft an die polnische biodynamische Tradition (Karłowski, Koberwitz) an und macht diese unter veränderten Bedingungen wieder lebendig.
Quellen
- Offizielle Seiten der Fundacja und Juchowo Farm: https://www.juchowo.org/ (polnisch und englisch, Abschnitte „O nas“ / „About us“, Research on farm)
- Jubiläums- und Rückblicktexte der Stiftung (u. a. Wiesc Okolicy 2021, deutsch): https://www.juchowo.org/assets/files/wiesc-okolicy/de/wiesc-okolicy-2021-de-www.pdf
- Software AG – Stiftung zum Projekt: https://www.sagst.de/ (Schwerpunkte / Juchowo)
- Nachrufe und Würdigungen Manfred Klett (u. a. Section for Agriculture / Goetheanum, Dottenfelderhof, 2025)
- Polnische Berichte zur 25-Jahr-Feier und zur Geschichte (u. a. wrp.pl, businessinsider.com.pl, informacje.wp.pl, 2026)
- John Paull / Paweł Bietkowski zu Stanisław Karłowski (ResearchGate, 2024)
- Dynamisch Perspectief (Interviewkontexte zu Mitwirkenden wie Ton Baars)
Einzelnachweise
- ↑ "Wir sind auf einer Mißion: zur Bildung der Erde sind wir berufen."(Novalis) https://de.wikiquote.org/wiki/Novalis






