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Hof als Organismus - 6. Folge von Manfred Klett, 2018
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Transkription Hof als Organismus - 6. Folge von Manfred Klett am 15. Januar 2018

+++ es handelt sich um eine maschinelle Transkription, sie ist noch von Menschenhand/Geis zu überarbeiten. Gerne kannst du MitTun +++
Rückblick: Polarität von Industrie und Landwirtschaft 00:16
Sprecher 1: Ich wünsche einen schönen guten Montagmorgen. Und jetzt ist ja wieder so ein Wochenende dazwischen, wo man alles vergessen hat und andere Ambitionen hatte.
So möchte ich nochmal kurz, ganz schnell, hoffentlich, den Gang der Handlung, den ich hier versucht habe zu entwickeln letzte Woche, nochmal in Stichworten wiederholen, damit Sie sozusagen den roten Faden nochmal intus bekommen.
Also wir waren ja ausgegangen von einer recht seltsamen Betrachtung, nämlich mal herauszuarbeiten die Polarität von der Industrie und Landwirtschaft. Um da aufzuzeigen, dass das wirklich eine Polarität ist, in jeder Hinsicht, dass man das nicht zusammenwerfen kann, dass es nicht irgendwie ein Muddel gibt, wie das heute der Fall ist, im Agrarindustrialismus, sondern dass man das wirklich ganz darüber hinaus erhalten kann. Und das ist wirklich eine Polarität, ist ein Gegensatz, aber ein sich gegenseitig sozusagen bedingender Gegensatz. Ist ja immer bei allen Gegensätzen so, diese sich gegenseitig bedingenden.
Und wir haben gesehen, wie auf der einen Seite das Kapital regiert in der Industrie und auch die Industrie kapitalschöpferisch wirkt, während die Landwirtschaft eben das gerade nicht ist. Sondern ihr Schöpfertum besteht darin, dass man den Boden fruchtbarer macht, die Kulturpflanzen leistungsfähiger und ebenso die Tiere, die Haustiere. Das sind ja eigentlich Produktionsmittel in der Landwirtschaft, die zusammengefasst in dem Organismus der Landwirtschaft, während in der Industrie der Mechanismus das eigentlich Produktive ist, in Verbindung mit dem menschlichen Geist.
Also so haben wir gesehen, das sind einfach zwei Paar Stiefel, möchte ich mal sagen, die man deutlich auseinanderhalten muss. Und haben versucht, oder ich habe versucht jedenfalls, daran deutlich zu machen, dass man rein aus der Betrachtung der Gegenwart den Organismusgedanken als das eigentliche Prinzip der Landwirtschaft schon ableiten kann. Man braucht noch nicht mal einen Zugriff in die Vergangenheit. Man könnte schon aus der Gegenwart eigentlich deutlich sagen, die Landwirtschaft hat Produktionsbedingungen, die so sind, dass sie eigentlich nur zur Entfaltung kommen können, wenn man den Gedanken des Organismus wirklich begreift. Und der ist sehr, sehr schwer zu begreifen, weil es mit dem Lebendigen und mit der belebten und besiedelten Natur zusammenhängt. Und da muss man schon ein bisschen tiefer einsteigen in der Erkenntnis, um den Organismusgedanken überhaupt fruchtbar zu machen.
Das war ja der Versuch meiner ganzen Darstellung auch diese Wochen durch sein, dass dieser Organismusgedanke immer deutlicher ins Bewusstsein drückt. Wie kann man denn überhaupt tiefer greifen? Und dann haben wir von dort aus die Frage gestellt, wo sind denn diese Ursprünge dieses Organismusprinzips in der Landwirtschaft? Ist es erst heute für uns eine Erfindung oder hat es also quasi eine Biografie, dieser Gedanke? Hat er sich schon durch all die Zeiten hindurch langsam unter der Hand der Menschen entwickelt, vorbereitet?
Rückblick: Bewusstseinsgeschichte und die Kulturepochen 00:04:06
Und dann haben wir uns zunächst mal einer geschichtlichen Betrachtung zugewandt, um mal zu sehen, wie der geschichtliche Verlauf überhaupt entsteht. Woher hat er seinen eigentlichen Ursprung? Ist es einfach ein gesetzmäßiger Ablauf, wo der Mensch nur Opfer ist, oder ist er Gestalter? Und wenn man da genauer hinguckt, dann muss man sagen, alle Geschichte ist Menschheitsgeschichte, ist gestaltet durch die Hand des Menschen, durch den Geist des Menschen, und ist nicht irgendwie eine Notwendigkeit, die da außen und außerhalb von uns abläuft.
Wir haben gesehen, bei genauer Betrachtung ist die ganze Geschichte Bewusstseinsgeschichte. Das halte ich auch für einen ganz wesentlichen Gesichtspunkt für Ihr eigenes tieferes Einsteigen in den biologisch-dynamischen Landbau, oder überhaupt heute in unserer heutigen Zivilisation zu leben, zu arbeiten, dass Sie mit diesem Gedanken mehr und mehr Umgang pflegen. Bewusstseinsgeschichte. Das Bewusstsein, was wir heute haben, gab es eben früher nicht. Dafür gab es ein anderes Bewusstsein, was ebenso hoch war in seinen Kulturleistungen wie das heutige. Und je weiter wir zurückgehen, desto mehr glaubt man in eine Primitivität der Menschheit abzutauchen. Die Menschen waren halt noch nicht so weit. Die waren ungeheuer weit, aber auf einer ganz anderen Ebene. Sodass Bewusstseinsgeschichte eigentlich eine ständige Metamorphose ist, von einem Zeitalter zum nächsten.
Und wir haben dann auch die Zeitalter versucht, mal etwas mehr abstrakt abzuleiten, von der Regression der Sonne durch den Tierkreis. Ein altes, uraltes Wissen, das die Menschheit da hatte auf diesem Felde, kann man heute am Himmel beobachten. Dass die Sonne gegenüber dem ganzen gestirnten Himmel nicht an einem Punkt stehen bleibt, sondern dass sie in Regression gegen den Uhrzeigersinn durch den ganzen Tierkreis in 25.920 Jahren einmal hindurchgeht. Und wenn man diese Zahl von 25.920 Jahren geteilt durch zwölf, dann kommen wir auf 2.160 Jahre. Das habe ich ja hier entwickelt. Dass das in etwas übereinstimmt mit dem, was man historisch konstatieren kann, als die großen Kulturabschnitte der Menschheitsentwicklung. Zumindest seit den letzten Eiszeiten, seit der Sintflut.
Und dann haben wir unterschieden die urindische Kulturepoche als eine erste, dann die urpersische als einen zweiten großen Abschnitt der Entwicklung der letzten acht, neun, zehntausend Jahre. Und dann die ägyptisch-chaldäische, babylonische Kultur und schließlich die griechisch-römische Kultur. Und heute leben wir eben in unserer modernen Bewusstseinsseelenkultur. Das brauche ich jetzt nicht nochmal alles im Einzelnen zu wiederholen. Jedenfalls waren wir dann zunächst mal zurückgegangen in diese Kulturzeitalter und von dort wieder herauf zu uns. Und haben gesehen, welche ungeheuren Kulturerträge diese Kulturzeitalter vorgebracht haben.
Von der urindischen kann man noch nicht allzu viel sagen, aus dem achten vorchristlichen Jahrtausend. Man kann nur sagen, aufgrund auch der wenigen liturgischen Zeugnisse, die sehr viel später erst aufgeschrieben worden sind, wie die Bhagavad Gita, kann man irgendwie ahnend hinein vordringen in eine Kultur von einer unglaublichen Geistlichkeit. Wo man den Eindruck hat, diese Menschen hatten noch ein Bewusstsein, was da mehr im Himmel war als auf der Erde, mehr im Geiste als in den irdisch-sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen. Die Erde war Schein, das Nirwana war das Eigentliche, die geistige Welt.
So, und dann sehen wir wieder in der urpersischen Kultur, dass was von vorher vorbereitet worden ist – das an den Menschen gebundene Tier –, zum Haustier wurde, durch die Sesshaftwerdung. Und dass dann ein Züchtungsimpuls wirksam wird, der eben aus dem Erfassen des Seelischen des Menschen, aus diesen Kräften heraus, jetzt den Seelenleib der Tiere zu formen zum Haustier. Ich habe ja versucht darzustellen, wie die Haustierwerdung eigentlich etwas ist, was eigentlich völlig unbegreiflich ist. Vom heutigen Standpunkt aus der Genetik völlig unbegreiflich. Am Anfang stand die ganze Vielfalt. Sonst müsste man sagen, langsam hat sich das vervielfältigt aus dem Wolf. Bei den Hunden, das Stammtier, wie man heute sagt, von allen Hunden, da müsste ja allmählich von irgendwo so Veränderungen entstehen. Nein, von allem Anfang an, seit es überhaupt, man vom Hund spricht, war die ganze Variationsbreite schon da. Also man merkt, da haben die Menschen ein Vermögen gehabt, nicht nur die physische Organisation des Tieres völlig zu verändern, das ganze Skelett und alles, die Kopfform, sondern eben auch die ganzen sonstigen physiologischen Vorgänge so zu verändern, dass das Haustier in diesem Sinne entstand. Im Dienste des Menschen.
Und dann eben diese unglaubliche Kulturleistung der Urpersier. Im Verlauf der ganzen urpersischen Kultur, sagte ich, sind so gut wie alle Kulturpflanzen entstanden. Man schaut immer zurück in diese Zeit und meint, das Einzige, was sie hervorgebracht haben, war eben der Faustkeil. Den Stein konnten die noch nicht bearbeiten, wirklich. Das waren ganz die Anfänge, sehr, sehr primitiv. Aber die eigentliche Kulturleistung sind die Kulturpflanzen. Wenn das mal begriffen würde, das steht im Keimlehrbuch. Es ist geradezu unbegreiflich, man weiß es, man weiß, dass alle Kulturpflanzen praktisch vom dritten Jahrtausend vor Christus entstanden sind. Aber weil man eben nicht den Begriff hat der urpersischen Kultur, nur sehr, sehr ungefähr, weiß man das nicht so richtig zuzuordnen. Die Kulturpflanzen sind eine künstlerische Leistung der Menschheit gewesen. So wie die Haustiere zu formen, so hat man die Kulturpflanzen, das Lebendige, geformt.
Und jetzt habe ich dann geschildert, wie wir dann weitergegangen sind in die ägyptische, chaldäische Kultur, wie da plötzlich die Menschen diese Fähigkeit nicht mehr haben. Die können nur noch das Ergebnis der vorangegangenen Natur nutzen und so veredeln noch ein bisschen. Aber im Übrigen ist deren Kulturleistung jetzt nicht mehr das Lebendige zu formen, sondern das Tote, die Pyramide. Also das, was in der ägyptischen Kultur jetzt plötzlich hochkommt, dass man fassungslos davorsteht, was das für ein Wahnsinn, unglaublicher Kulturumbruch war.
So, in die griechisch-römische Zeit hinein, wo sich das noch immer weiter verfeinert hat, brauche ich es nicht noch mal im Einzelnen schildern. Jedenfalls aus diesen ganzen vorgriechischen Hochkulturen sind vier Strömungen der Menschheit hervorgegangen. So habe ich die geschildert. Nämlich einerseits die Ackerbauer, Acker- und Pflanzenbauer. Und genau gegenpolig dazu die Hirtenvölker, die noch nomadisierend mit ihren Herden durch die Landschaft gezogen sind. Und aus den Ackerbau-, Pflanzenbau-Völkerschaften haben sich herausgegliedert dann die Obstbauer und die Gartenbauer. Das sind vier Strömungen, die so locker nebeneinander existierten, sich auch durchsträngen, gewiss. Aber sie waren blutgebunden an Völkerschaften.
Das Mysterium von Golgatha und die Verwandlung der vier Strömungen 00:12:32
Und dann haben wir ja hingeschaut auf dieses Ereignis, was jetzt stattgefunden hat, das Mysterium von Golgatha. Ein Ereignis, auf das die Menschheit in zweierlei Hinsicht, wo die vorausgegangenen Kulturvölker Kenntnis hatten durch die Mysterienstätten. Es wurde ja von den Propheten schon in Israel, schon seit dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert, auf dieses Ereignis hingewiesen, ganz konkret. Ganz konkret, das steht ja alles im Alten Testament.
Oder wie in den Mysterienstätten der Vergangenheit der Hochkulturen, wo hingewiesen worden ist auf dieses Ereignis, schon seit der urindischen Kultur – Vishwakarma habe ich genannt –, oder seit der urpersischen Kultur, Ahura Mazdao, oder eben durch die ägyptische Kultur, Osiris. Das waren sozusagen die Bilder, die die Menschheit hatten, wo sie sagten, dieses Wesen, dieses in der Sonne beheimatete Wesen, wird sich eines Tages immer mehr der Erdensphäre annähern und wird dann eines Tages inkarnieren, in einen leiblichen Menschen, in den Jesus von Nazareth, inkarnieren wird und drei Jahre hindurch auf Erden leben und durch den Tod gehen und dadurch der Menschheit etwas vermitteln, was ihr überhaupt wieder Hoffnung geben kann für eine zukünftige Entwicklung in die Zukunft.
Und das verlebte ganz stark, natürlich damals in Israel durch die Propheten, die alle darauf hingewiesen haben, seit dem sechsten Jahrhundert, also mit einer derartigen Intensität, dass die Menschheit, die damalige vorderasiatische Menschheit, ganz stark in dem Bewusstsein gelebt hat, da ist was, was kommt, wo wir große Hoffnungen haben können, dass die Entwicklung überhaupt weitergeht.
Und dass es dann das Ereignis selber, man anschauen kann, wie eine Art Ich-Geburt in die Menschen, wo das, was schon vorbereitet worden ist in der urindischen Kultur, in der urpersischen und so weiter, was da vorbereitet worden ist, dass das Ich sich sukzessive aufgewacht ist in den verschiedenen Wesensgliedern des Menschen, dass das plötzlich jetzt wirklich zum Ich-Bewusstsein der Keim gelegt ist, um das Ich-Bewusstsein zu entwickeln, in dem wir heute ja nun nachgerade stehen. Die Frage ist, ob wir wirklich uns selber kennen. Je mehr wir uns selber als Menschen kennenlernen, desto mehr merken wir, wir sind zum Ich-Bewusstsein, zum Selbstbewusstsein erwacht. Und das hat eine lange, lange bewusstseinsgeschichtliche Zeit hinter sich.
Diese vier Strömungen nun, im Durchgang durch das Mysterium von Golgatha, erscheinen wieder in vollkommen verwandelter Gestalt in nachchristlicher Zeit. Das hatten wir ja auch betrachtet, dass quasi eine gewaltige Umströmung sich vollzieht der vorchristlichen Entwicklung in die nachchristliche Zeit. Und das habe ich dann deutlich gemacht in dem, was dann seit dem 6., 7., 8., 9. Jahrhundert sich herausgestaltet, als der Dorforganismus, der Organismus der Landwirtschaft, in dem diese vier Strömungen sich mehr und mehr begegnet sind, durchdrungen sind und jetzt den Organismus einer landwirtschaftlichen Dorfgemarkung bilden. Mit Mittelpunkt der Kirche und einem Umkreis, der jetzt von Menschenhand durchgestaltet wird, aus den Impulsen heraus, die man aus diesem Mittelpunkt empfängt. Das war der Anfang und hatte seinen Höhepunkt im 9. Jahrhundert. Das war die Zeit des Heiligen Grals.
Petrinisches und hibernisches Christentum: Zwei Strömungen der Dorfschaft 00:16:28
Und wir haben gesehen, wie zwei Strömungen da maßgeblich waren bei der Herausgestaltung der Dorfschaft, der Erfindung des abendländisch-christlichen Dorfes. Das waren zwei Strömungen. Das war das petrinische Christentum, was von Süden nach Norden kam, über die Alpen. Das römisch-petrinische Christentum, das exoterische Christentum, was sich ganz auf die Dokumente stützte, des Neuen Testaments, des Alten Testaments und was da sonst noch an Offenbarungen in den Menschen lebte, lebte im Vorderen Orient. Noch ganz auf das Äußere, auf das Historische stützte, das petrinische Christentum.
Und auf der anderen Seite dann das esoterische Christentum, das von Westen kam, repräsentiert durch einzelne Persönlichkeiten aus den hibernischen Mysterien Irlands, von dem man heute so gut wie keine Ahnung hat. Das eine ist das mehr historisch begründete Christentum, das andere ist das esoterische Christentum, ein Christentum, was eigentlich gar keine äußeren institutionellen Erscheinungen hatte. Und das hat sich durchströmt im Bodenseegebiet. Darauf habe ich nochmal aufmerksam gemacht. Im Bodenseegebiet haben sich diese beiden Strömungen im 9. Jahrhundert begegnet, des 6. bis 9. Jahrhunderts, und haben dort einen Kulturimpuls gesetzt, auch für die Landwirtschaft. Und haben eigentlich erst so richtig, ich möchte mal sagen, den Organismusgedanken in der Landwirtschaft, also das Gestaltungsprinzip, was der Mensch der Natur vermittelt, da erst richtig wirklich zur Geltung gebracht, seit dem 9. Jahrhundert.
Publikumsfrage: Eine Frage. Was genau war nochmal der Anteil dieses irischen esoterischen Christentums ohne Institutionen? Was haben die wirklich mitgebracht?
Sprecher 1: Also das habe ich an dem Beispiel von Kolumban dem Jüngeren erzählt, der mit seinen Genossen – die dann später, Gallus hieß der eine, der hat dann St. Gallen begründet, der andere hieß Radolf, der hat Radolfzell begründet –, das hat da irgendwo seinen Niederschlag gefunden. Das waren Menschen, die hatten eine Kenntnis des Christentums, die sich nicht auf Dokumente gründete. Sondern die haben aus den Mysterien, den damaligen hibernischen Mysterien, diesen ganzen Prozess, der sich in Palästina abgespielt hat, der ein historischer Prozess war, haben die geistig erlebt. Als das Sonnengeheimnis, was dem eigentlich zugrunde liegt, nämlich die Verbindung einer Sonnenwesenheit mit der Leiblichkeit eines Menschen. Davon hatten die Kenntnis, rein durch die Mysteriumsschauungen, die die Menschen damals noch hatten. Die haben sozusagen rein übersinnlich das wahrgenommen, was sinnlich damals in Palästina auf der Erde stattgefunden hat. Deswegen hatten die einen viel, viel umfassenderen Sinn für das Wesen des Menschen, das Wesen der Erde überhaupt, des ganzen Kosmos. Und aus dem heraus hatten die das Bedürfnis, das jetzt mit dem exoterischen Christentum zu verbinden.
Das war der Grund, warum Kolumban nach Mitteleuropa gekommen ist und später nach Italien. Um diese beiden Pole des Christentums – das rein historische Geschehen, was in Palästina durch vielerlei Bekundungen, durch die Evangelien vermittelt ist –, das jetzt zu verbinden mit dem esoterischen Christentum, nämlich mit dem Sonnenmysterium. Dass es eigentlich ein Sonnenmysterium auf Erden war. Dass wirklich dieser Ahura Mazdao, diese Gestalt des Vishwakarma, des Osiris, dass das eine Realität war, dass in den Mysterien durch die tausendfache Betrachtung gelehrt wurde, dass dieses Wesen eines Tages sich mit einem menschlichen Leib verbindet. Das war eigentlich dieser esoterische Impuls, der vom Westen kam. Und der nur von einzelnen wenigen Menschen getragen war.
Also es gibt Kolumban den Älteren, Kolumban den Jüngeren. Es gab noch eine ganze Reihe von diesen Mönchen, die dann auf den Kontinent gekommen sind und überall missioniert haben und versucht haben, dieses mit dem römisch-petrinischen Christentum zu verbinden. Damit es nicht zu einseitig wird, nicht nur sozusagen sich rein als ein äußerliches Geschehen darstellt, was man so oder so interpretieren kann, sondern dass dem ein wirklich esoterischer Impuls zugrunde liegt.
Publikumsfrage: Ich habe mich mal damit auseinandergesetzt und habe das so verstanden, dass dadurch auch die Kelten nicht wirklich von den Römern missioniert werden konnten, weil die einfach schon Bescheid wussten.
Sprecher 1: Ja, ja, die Kelten, das waren ja auch Kelten. Also der Kolumban war auch ein Kelte. Die Iren sind ja im Ursprung ein keltisches Volk. Und so auch in der Bretagne. Also in Frankreich, wo sich weitgehend hinter dem ganzen Gralsgeschehen abgespielt hat. Alles Kelten. Die Kelten waren die Träger, möchte ich mal sagen, viel stärker eines kosmisch orientierten Christentums, als das für die Römer gilt.
Romanik, Gotik und der Organismusgedanke in der Kulturlandschaft 00:22:26
Aber wir wollen da nicht stehen bleiben, sondern wir haben die Entwicklung jetzt weiter verfolgt. Wie sich nun in Verbindung mit diesem Impuls der Entwicklung der Dorfschaften, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie einen Mittelpunkt hatten und einen Umkreis. Der Mittelpunkt, das war die Kirche. Das war ein Steinbau, ursprünglich ein Holzbau, später ein Steinbau. Romanisch, sich da lebend, also von der romanischen Baukunst durchgestaltet. Die kam auch von Süden nach Norden. Schon im dritten, vierten, fünften Jahrhundert gab es schon die ersten romanischen Bauten in Mailand. Wo man sieht, wie dieser Impuls dann über die Alpen hinweg ganz Europa durchdrungen hat. Die romanische Baukunst.
Also es war ein Mittelpunkt und das war eine geistig-moralische Quelle für die Menschen. Und dann war die Dorfgemarkung eine wilde Natur, die jetzt durch die Hand des Menschen so durchplastiziert, so durchgestaltet wurde, dadurch, dass Ackerbau, Viehzucht, Gartenbau und Obstbau einander in einer ganz bestimmten gesetzmäßigen Weise durchdrangen.
Das habe ich auch dargestellt, ich werde nachher nochmal darauf zurückkommen.
So, und diese Bauwerke – das wollte ich auch nochmal kurz wiederholen –, diese Bauwerke, die romanische Baukunst, also die ursprünglichste überhaupt, vom Frühmittelalter an, bildete den ersten Mittelpunkt. Und dann entwickelte sich aus dieser romanischen Baukunst zu Beginn des 12. Jahrhunderts die Gotik. Wo jetzt aus diesen Dorfschaften – mehr war das ja, es gab ja kaum Städte, ganz wenige, sondern zunächst mal waren es Dörfer –, aus denen heraus jetzt plötzlich diese gewaltigen Kathedralen, diese gewaltigen Dome und Münster emporstrebten in der Gotik.
Und wo man merkt, je weiter wir dann dem 13., 14. Jahrhundert zustreben, zuletzt wird das Ganze abgeschlossen von der Backsteingotik, da sehen wir, wie eigentlich die Gotik in gewissem Sinne der Abschluss des gesamten abendländisch-christlichen Landbaus ist, schon am Ende des 14. Jahrhunderts. Und dass die ganze Baukunst, auch die Malerei, überhaupt alle Künste, in einem ganz innigen Zusammenhang stehen mit dem Organismusgedanken in der Landwirtschaft, das war nicht zu trennen.
Diese gewaltigen Bauten, zum Beispiel Chartres in Frankreich oder das Straßburger Münster oder das von Reims oder das Ulmer Münster oder welches Bauwerk sie nehmen, klein oder groß, die wachsen gleichsam wie eine von Menschenhand gestaltete Kunstschöpfung aus den Landschaften heraus. Die Kulturlandschaft ist nicht unabhängig zu denken von diesen Bauwerken. Das ist eine große Einheit vom Ursprung her. Das muss man sich mal klar machen.
Und so wie die Kirchen, diese großen gewaltigen Kunstschöpfungen bis ins Ende des 14. Jahrhunderts hinein, wie die heute zerbröseln und zerbröckeln, so zerbröseln und zerbröckeln schon seit dieser Zeit die Kulturlandschaften. Schon seit der Zeit, dem Beginn des 15. Jahrhunderts, ist eigentlich der Impuls, die Kulturlandschaften weiterzubilden, schon bis zu einem gewissen Grad erloschen. Keine Innovation mehr.
Auch im Kirchenbau, wenn Sie dann die Folgezeit nehmen nach dem 15. Jahrhundert, zum Beispiel der Barock oder Rokoko oder dann der Klassizismus oder die Neugotik im 19. Jahrhundert, das sind alles Kunstentwicklungen, die nur auf Vergangenes noch einmal heraufholen und irgendwo verändern, aber nichts Neues. Nichts prinzipiell Neues.
Die Schwelle des 15. Jahrhunderts: Ein Gesetz der Wiederholung 00:26:43
So stehen wir wirklich – und da waren wir ja irgendwo angekommen in unserem Betracht –, so stehen wir wirklich am Beginn des 15. Jahrhunderts an einer Schwelle, wo man den Eindruck hat, ja, wie geht es überhaupt weiter. Das Alte ist zu Ende. Die griechisch-römische Kultur ist rund um den Übergang vom 14. bis zum 15. Jahrhundert endgültig zu Ende. Und eine neue Zeit bricht an. Alles ist im Umbruch, aber auch alles. Wenn Sie das mal genauer prüfen, in der Wissenschaft, in der Kunst, in der Philosophie, wohin Sie auch schauen, an dieser Schwelle des 14. bis zum 15. Jahrhundert wird alles infrage gestellt.
Und jetzt könnte man das an vielerlei Symptomen verdeutlichen. In der Malerei, in der Kunst, das würde jetzt zu weit führen. Ich möchte das an einem Beispiel versuchen anzudeuten, was die Landwirtschaft betrifft. Welcher Umbruch sich da anbahnt.
Nun ja, also, zunächst sehen wir ja, wie da nochmal eine Kulturblüte entsteht in der Renaissance. Und diese Renaissance ist aber eine Kulturblüte, die vor allen Dingen schon in der Stadt sich abspielt. In Florenz, in Rom, in Mailand. Also da im Süden, da entwickelt sich eine kunstschöpferische Leistung ohnegleichen. Aber man hat so den Eindruck, zunächst einmal ist es eben eine echte Renaissance. Das heißt eine Wiedergeburt von dem, was schon mal war, was vorausgegangen ist.
Und da möchte ich Ihnen jetzt nur auf die Schnelle ein Gesetz nennen. Nämlich, wenn ein neues Zeitalter anbricht, dann muss das Vergangene noch einmal auf höherer Stufe wiederholt werden. Das gilt für alles Lebendige, für alles auf Erden, was nur irgend lebendig ist auf Erden. Am Beginn eines neuen Zeitalters muss das Vorausgegangene noch einmal auf höherer Stufe wiederholt werden. Später hat dann Ernst Haeckel, also der Naturwissenschaftler, es dann formuliert mit dem biogenetischen Grundgesetz, dass die Individualentwicklung immer eine Wiederholung der Stammesentwicklung bedeutet. Das ist nur naturwissenschaftlich formuliert. Die Individualentwicklung ist eine Wiederholung der Stammesentwicklung. Und dieses Gesetz gilt für alles, für jede Entwicklung, dass man immer sich klar sein muss: Wenn ich was Neues will, auch jetzt individuell als Mensch, muss ich irgendwo doch das Vergangene, und sei es, dass ich mir das ins Bewusstsein hebe, wiederholen, um dann den großen Schritt in die Zukunft zu tun.
Publikumsfrage: Besteht aber nicht die Gefahr, also selbst jetzt, wenn wir es aufschreiben, dieses Gesetz, dass es zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung wird?
Sprecher 1: Eine selbsterfüllende Prophezeiung. Die erfüllt sich eben nicht von selbst, sondern die erfüllt sich eben nur dadurch, dass der Mensch zu seinem Selbstbewusstsein erwacht. Und früher war es eben so, dass in Mysterien, ich möchte mal sagen, die Geistnähe der Menschen noch in ganz anderen Bewusstseinszuständen, da kam die Erfüllung von der Seite. Aber heute können wir nicht mehr darauf vertrauen, dass nur irgendjemand einem hilft in den eigenen biografischen Schritten, sondern man muss sich selber helfen. Das ist das Erwachen des Ich in der Bewusstseinssele. Heute ist der Mensch so einsam, so allein, in Bezug auf das, was eigentlich die Verwirklichung seines Selbstes in der Welt, seine Aufgabe in der Welt bedeutet.
Das erleben Sie heute selber schon. Also jeder steht heute doch immer forträtselnd vor der Frage, was ist eigentlich meine Aufgabe in diesem Erdenleben? Welche Aufgabe habe ich? Wo kann ich ansetzen? Wo sind meine Fähigkeiten so orientiert, dass das mein Lebensziel werden kann? Also es kommt ganz aus der inneren Ich-Erkraftung heraus, die Sicherheit, dass es nicht eine Fremdbestimmung ist, die das Gesetz erfüllt, sondern ich muss es erfüllen.
Also man ist heute als Mensch, man kann heute nicht mehr so ohne weiteres auf irgendeinen lieben Gott da hinter den Wolken auf dem Himmel oder auf irgendwas direkt vertrauen, es sei denn, ich arbeite dieser Welt entgegen. Ich muss ihr erkenntnismäßig entgegenarbeiten, dann kann mir unter Umständen Hilfe zukommen. Aber es muss von mir ausgehen. Es kommt mir nicht mehr einfach nur von außen so wie von selbst entgegen. Das ist ja der Grund, warum wir hier zusammensitzen, dass wir uns mal mit diesen Grundfragen auseinandersetzen.
Madeira 1425: Der Keim des industriellen Landbaus 00:32:54
So, aber jetzt, welches Beispiel ist jetzt das, was ich nennen möchte, um deutlich zu machen die Umbruchzeit des 14. zum 15. Jahrhunderts in der Landwirtschaft?
Also da sehen wir, wie in der Zeit, als die Renaissance sich da so entwickelt in Italien, da sehen wir, wie weiter westlich in Spanien und Portugal dort in den Menschen ein ungeheurer Trieb erwacht, die Welt zu erobern. Und zwar ursprünglich noch ganz aus den geistigen Impulsen heraus. Man suchte nämlich nach dem Priester Johannes. Das ist eine Gestalt, die eben auch aus den Ursprüngen des Christentums in den Menschen lebte, als ein hoher Eingeweihter. Und jetzt suchte man diesen Priester Johannes, weil man der Auffassung war, dass der nicht mehr in Europa lebt, sondern in Indien. Und das war der eigentliche Grund, warum damals die Seefahrer nach Indien wollten. Und das war sozusagen eine Grundhaltung oder eine Grundgesinnung durch das ganze 15. Jahrhundert, ausgehend von der Schule des Heinrichs des Seefahrers in Südportugal. Also der Trieb, jetzt irgendwo einen Seeweg zu finden nach Indien.
Und da sehen wir jetzt zu dieser Zeit, mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts – man kann auf den Punkt genau –, dass diese Seefahrer da immer größere Bögen ziehen über den Atlantik. Ein Bogen heißt, nach Süden zu segeln, einen großen Kreis zu ziehen und dann wieder zurückzukommen von Norden her nach Portugal oder Spanien. Und auf diesen Bögen, die sie da schon um 1400 herum gezogen haben, haben sie die Kanarischen Inseln entdeckt und besiedelt. Und dann haben sie die Kapverdischen Inseln weiter südlich entdeckt. Und so haben sie immer größere Bögen gezogen, immer größer. Und dann eines Tages kommen sie wieder zurück in Richtung Portugal und sehen dann eine Insel. Und das ist die Insel Madeira, da wurde die Insel Madeira entdeckt.
Und die war unbevölkert, da wohnten keine Menschen drauf, der älteste Urwald Europas, der seit Urzeiten existierte. Wenige Jahre später nach dieser Entdeckung, das war 1425, landen wieder Schiffe von Portugal dort auf Madeira und was machen die, diese Portugiesen – die brennen den Wald ab. Die haben die ganze Insel abgefackelt, die hat zweieinhalb Jahre gebrannt, wie eine Riesenrauchwolke damals über den Atlantik. Die ganze Insel wurde verbrannt sozusagen, keinerlei Vegetation mehr.
Und was haben sie als nächsten Schritt gemacht? Sie haben die Ureinwohner von den Kanarischen Inseln, die sogenannten Guanschen, die Ureinwohner von den Kanarischen Inseln, haben die rübergeholt und haben sie versklavt. Und haben dann dort Kanäle und komplizierteste Bewässerungssysteme bauen lassen, mit den Guanschen. Und dann haben sie in der Folgezeit die gesamte Insel in eine Zuckerrohrinsel verwandelt. In Monokultur Zuckerrohr angebaut. 1428, 1429 war das dann soweit.
Und dann gibt es einen weiteren Hinweis, dass aus dem Jahr 1456 der König Juan von Portugal seine Erlaubnis erteilt hat, dass auf Madeira eine erste Zuckerrohrmühle, eine industrielle Verarbeitung also des Zuckerrohrs, gebaut werden darf. Das musste der König noch erlauben. Und die Folgezeit war, dass da jetzt in Monokultur Zucker angebaut worden ist. Vorher gab es Zuckerrohr nur in kleineren Flächen, das hatte noch keinen Markt, aber jetzt entstand ein Zuckermarkt, gleich zu Beginn der Neuzeit, in dem jetzt der Zuckerrohr von Madeira in Schiffsladungsweise auf den Kontinent an die Fürstenhäuser geliefert worden ist.
Und ein anderes Dokument weist darauf hin, dass 1472, also noch vor Kolumbus, 1472 die erste massive Zuckerladung nach England, nach Bristol, exportiert worden war. Der Export von einer Insel, Monokultur erzeugt mit Hilfe von Sklavenhänden, und natürlich England war da dann der größte Abnehmer, weil wie Sie wissen, noch heute die Engländer gerne ihre Bonbons lutschen. Und also da wurde es damals schon veranlagt, im 15. Jahrhundert, dieser Zuckerverbrauch, dieses Zuckerbedürfnis, was da sich immer mehr im Beginn der Neuzeit in den Menschen herausbildete.
Und dann entwickelt sich also da etwas, was eigentlich symptomatisch ist für die ganzen folgenden Jahrhunderte, bis zur Gegenwart eigentlich. Die Grundbedingungen für den industriellen Landbau, die sind da angelegt. Nämlich einerseits die Vernichtung des Naturbiotops. An die Stelle tritt jetzt die Monokultur, und das natürlich mit Hilfe von Kapital, was dann rüberfloss von Portugal, das zu finanzieren, und dann mit Hilfe von Sklavenhaltung diese Produktion zu bewerkstelligen. Damit haben sie gleichsam alle Elemente, die letzten Endes zum industriellen Landbau hinführen, da veranlagt.
Insofern ist Madeira – es liegt ja auch noch in Europa, es ist ja noch nicht Amerika. Nachdem Kolumbus dann 1492 in Mittelamerika, ja, er wollte ja genauso nach Indien wie alle anderen, ist er einfach nach Westen gefahren, weil er gesagt hat, da muss ja, weil die Erde rund ist, muss ich irgendwann mal in Indien ankommen. Und wo ist er gelandet? Auf der Dominikanischen Republik. Und hat deswegen – heißen die heute noch die westindischen Inseln. Das ist der Grund, warum die heute noch westindische Inseln heißen, nur aufgrund eines Irrtums, möchte ich mal sagen.
Und also aufgrund dessen wurden jetzt diese westindischen Inseln besiedelt, dann ganz Mittelamerika, alles noch unter spanisch-portugiesischer Herrschaft, daher auch die Namen Mexiko, Guatemala, Nicaragua, Costa Rica, San Salvador oder Panama oder so, das sind alles ja noch spanische Besiedlungen, die dann diesen europäischen Landbau in Form von Monokultur, aber jetzt verwandelt, dorthin gebracht haben, auch nach den Südstaaten Amerikas.
In Verbindung mit der Sklavenhaltung und dann hat man dann, nachdem die Guanschen fast ausgestorben sind aufgrund ihres Sklaventums, ganz Afrika erschlossen, um von dort die Sklaven da nach Westen zu transportieren. Die Araber haben dafür gesorgt, dass sie zusammengetrieben worden sind und auf Märkten verkauft worden sind, und die anderen haben dann die großen Schiffsagenturen, haben diese Sklaven dann auf den Märkten in Afrika gekauft und dann en masse nach Westen verfrachtet, um jetzt da in Monokultur eine neue Landwirtschaft aus der Taufe zu heben.
Sie können sich das nicht grausamer und nicht abstrakter im gewissen Sinne vorstellen, was da eigentlich zu Beginn schon seit der Neuzeit geschehen ist. Ein völlig neuer Impuls, vollkommen abstrakt, aus abstrakten Gedanken gesteuert und aus Machtimpulsen selbstverständlich. Das ist eine ganz neue Qualität, die hat es so vorher nicht gegeben. Der Sklave, der ab da entsteht, ist ein anderer Sklave, als der in Rom und in Griechenland war. Das kann man einfach nicht in einen Topf schmeißen.
Die freien wirtschaftlichen Dorfgemeinschaften des 15. Jahrhunderts 00:42:22
Und jetzt sehen wir, wie das jetzt von dort, von Madeira aus nach Westen die gesamte Landbaukultur all jener Siedler irgendwo beeinflusst hat, die da aus Europa ausgewandert sind in den Westen.
Was hat sich jetzt gegenteilig dazu entwickelt? Das ist ja ein hochgradig negativer Aspekt, den ich jetzt geschildert habe. Was ist dazu quasi als Gegenbild noch entstanden, was wirklich versucht hat, jetzt den Keim für eine wirklich zukünftige Landbaukultur zu setzen?
Und das findet sich auch im 15. Jahrhundert. Und zwar jetzt aber in Mitteleuropa, dass da es offensichtlich wenige Dorfgemeinschaften gab, die sich abgekoppelt haben von Kirche und Adel. Sie müssen sich vorstellen, die Landwirtschaft war durch das ganze Mittelalter noch gesteuert, im letzten Endes doch durch Kaiser und Kirche beziehungsweise die Klöster. Und keiner konnte Lesen und Schreiben von den Bauern, sondern das Lesen und Schreiben, das waren nur auch nur wenige Mönche, diejenigen, die dann Grafen wurden. Die Grafen, der Name Graf leitet sich ab von Graphen, griechisch, und das heißt Schreiben. Das waren die Schreiber der Fürsten. Die wurden dann zu den Grafen. Aber das gemeine Volk konnte weder Lesen noch Schreiben, konnte nur seine Legenden, nur seine Märchen, nur seine Mythen. Alles das, was von Mund zu Ohr weitergegeben worden ist, in unglaublicher Fülle.
So, und diese sich loskoppelnden Dorfgemeinschaften von der Bevormundung von Kirche und Adel, die hat man genannt die freien wirtschaftlichen Dorfgemeinschaften.
Diese freien wirtschaftlichen Dorfgemeinschaften haben zunächst einmal natürlich wie alle Dörfer noch den alten Impuls, den ich da charakterisiert habe. Wo diese in verschiedenen Formen der Landwirtschaft sich jetzt also die Viehhaltung, der Gartenbau, der Obstbau und der Ackerbau entwickelt haben, der Acker- und Pflanzenbau, und das Ganze dann außen umgeben war vom Wald. Das ist dieses Bild. Mittelpunkt und Umkreis. Also dieser, das war eine bestimmte Naturordnung. Also man hat die Natur geordnet zur Kulturlandschaft. Das ist sozusagen das Vermächtnis des Mittelalters an die Neuzeit. Das ist dieses Prinzip hier und das stand noch ganz stark unter, wie gesagt, unter der ganzen Führung von Kirche und Adel.
Und jetzt kommt die Neuzeit und da plötzlich versuchen jetzt diese Dorfschaften sich frei zu schwimmen von dieser Bevormundung, und es entwickeln sich die freien wirtschaftlichen Dorfgemeinschaften, nur an einzelnen Orten. Und diese freien wirtschaftlichen Dorfgemeinschaften, also die waren hieraus hervorgegangen, denn jedes Dorf war eine Gemeinschaft, eine eingeschworene Gemeinschaft, und die bildet jetzt hier eine neue Sozialordnung. Eine Sozialordnung, die im Dienste dieser Naturordnung steht.
Freies Geistesleben, autonomes Recht und instinktive Wirtschaftsassoziation 00:46:44
Und wie sah die aus? Die sah so aus, dass in diesen freien Wirtschaftsgemeinschaften auf der einen Seite die ganze Kultur des Mittelalters, jetzt auf höherer Stufe, gleichsam in Wiederholung, noch einmal zur Blüte gebracht wurde. Alles das, was an Legenden – was zum Beispiel Parsifal oder das Nibelungenlied oder Beowulf oder das Hildebrandlied –, alles Geistesgut der Vergangenheit lebte in unendlichen Versen und im Gedächtnis dieser Menschen, die sich das am Feierabend vor den Bauernkaten sitzend erzählt haben. Da war ein unglaublicher Reichtum an Geistesleben, aber eben ungeschrieben, nicht lesbar irgendwie, sondern es wurde von Mund zu Ohr, von Generation zu Generation weitergereicht.
Also eine Art instinktives, freies Geistesleben, keineswegs vollbewusst, aber eben einfach noch lebendig, aber auf einer höheren Stufe lebendig. Das war eine ungeheure Kraft, die von hier ausgegangen ist, und die ganze Dorfgemeinschaft stand sozusagen im Dienste dessen, was hier jetzt dieses freie Geistesleben, aber nur ganz noch halbträumend, halbbewusst – denn man konnte noch nicht lesen und schreiben.
Jetzt gab es ein Zweites, was sich da in diesen freien wirtschaftlichen Dorfgemeinschaften herausentwickelt hat, nämlich ein autonomes Rechtsbewusstsein. Die haben sich abgenabelt von der Kirche, abgenabelt vom Adel, die wollten mit denen nichts mehr zu tun haben, die wollten jetzt ihre eigene Rechtsordnung, die schon immer galt, selbstverständlich – die wollten sie jetzt bewusst selbst gestalten. Es galt schon immer das germanische Recht in diesen Zeiten, noch nicht das römische Recht.
Das römische Recht deklariert den Grund und Boden zu Eigentum. Der sagt, das ist dein Eigentum, das ist dein Eigentum, das ist dein Eigentum. Daran hatten die überhaupt kein Interesse, sondern die ganze Dorfgemeinschaft, das ganze Dorf, die Dorfgemarkung war selbstverständlich in der treuhänderischen Verwaltung der ganzen Dorfgemeinschaft. Das war das germanische Recht. Im germanischen Recht wurde nicht irgendwo ein Stück Grund und Boden einer bestimmten Familie zugeschrieben, sondern in der Dreiteilung, die ich ja geschildert habe, also die Fruchtfolgegestaltung in der Feldwirtschaft, da hatte in jedem Teil jede Familie gewisse Anrechte. Je nach Größe der Familie ein größeres Stück Land, was ihr zur Verfügung stand. Wenn es eine kleine Familie war, dann eben ein kleineres Stück. Jedenfalls, das war noch völlig flexibel. Das war noch nicht festgeschrieben, war nicht definiert, sondern es lebte einfach als Rechtsgefühl in den Menschen.
Und jetzt haben die versucht, hier ein autonomes Rechtsleben zu entwickeln. Auch ein Rechtsleben von Mund zu Ohr, nicht definiert, nicht geschrieben in Gesetzesform, sondern gesprochen von Mund zu Ohr. Und jedes Jahr waren es dann die Ältesten in einer solchen Dorfschaft, die jetzt darauf geschaut haben: Gilt das Recht noch so, wie es ist, müssen wir es verwandeln, müsste es nächstes Jahr eine andere Form annehmen und so weiter. Das war völlig flexibel, von Mund zu Ohr.
Und das Dritte, was sich daraus gebildet hat, das waren instinktive wirtschaftliche Assoziationen. Das ist das Wunder. Das heißt, die haben nicht einfach auf einem anonymen Markt produziert, solche Dorfschaften, sondern in der Zeit war die Entwicklung so weit vorangeschritten, dass es natürlich schon die freien Reichsstädte gab, seit dem Mittelalter. Die wuchsen und wuchsen so nach und nach aus Dörfern heraus, meistens aus Märkten, zentralen Märkten wuchsen die freien Reichsstädte allmählich, und überhaupt die Stadtentwicklung.
Und die einzelnen Dorfschaften waren dann um einen solchen zentralen Markt, der in irgendeinem größeren Dorf sich dann entwickelt hat, so angeordnet, in einer bestimmten Entfernung – das kann man heute noch in den Siedlungsstrukturen sehen –, dass der Bauer an einem Tag mit seinem Pferd- oder Ochsengespann zum Markt hin und am Abend wieder zurückfahren konnte. So war die ganze Siedlungsstruktur plus minus über ganz Europa. Also ein zentraler Markt, der dann mehr und mehr zur Reichsstadt, freien Reichsstadt, beziehungsweise zur Stadt geführt hat. Alle Städte hatten irgendwo diesen Ursprung hier.
Und die Dörfer waren so angeordnet, sodass das, was hier erzeugt worden ist, rings rum in die verschiedenen Dorfschaften, das hatte hier seinen zentralen Markt. Abgesehen von der Selbstversorgung des Dorfes natürlich, haben die ihre Überschüsse hier auf dem Markt vermarktet.
Und im 15. Jahrhundert galt, dass einmal in der ganzen Geschichte der europäischen Geschichte, Preis und Wert übereingestimmt haben. Preis und Wert übereingestimmt haben. Jedes Produkt hat immer einen Wert. Aber der Preis ist unter Umständen weit davon entfernt, von diesem Wert. Und damals hatte man eine Identität zwischen Wertschöpfung und den Preisen, die man erhalten hat, um diese Wertschöpfung wieder hervorzubringen im nächsten Jahr. Man hat keine Reichtümer angehäuft, sondern man hat das erzeugt und das vermarktet. Und die Vergütung, die Preise, waren so, dass sie wiederum den Menschen ermöglicht haben, im nächsten Jahr dasselbe wieder hervorzubringen. Das ist ein instinktives, assoziatives Zusammenwirken im 15. Jahrhundert.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Der Dreiklang als heutiges Ziel 00:54:01
Wenn wir jetzt auf diesen Impuls hingucken, auf dieser Grundlage einer Naturordnung, dann haben wir eigentlich eine Veranlagung, nach der wir heute streben. Das, was hier veranlagt ist, der Organismus, der Organismusgedanke als Grundlage für eine Naturordnung, wir heute auch danach streben, ein wirkliches Geistesleben zu entwickeln, was ein freies ist, was von den individuellen Möglichkeiten des einzelnen Menschen und seinen Fähigkeiten getragen ist.
Und selbstverständlich suchen wir heute nach einem autonomen Rechtsleben, nämlich dass wir uns endlich mal unabhängig machen von der Agrarpolitik, in der wir uns befinden, die alles kaputt macht, oder Brüssel, was uns beherrscht, sondern dass wir wenigstens in dem Umkreis, wo wir tätig sind, allmählich ein neues Rechtsgefühl entwickeln. Wir wollen keine Revolutionäre sein und alles über Bord kippen, was ist, sondern wir wollen in dem Umkreis, wo wir tätig sind, auf einem solchen Hof wie dem Dottenfelderhof oder andernorts, wenigstens versuchen, so zusammenzuarbeiten, dass ein neues Rechtsgefühl entsteht, was nicht geschrieben werden braucht, wo man einfach ein solches Vertrauen entwickelt zueinander, dass das Vertrauen die Grundlage für das Rechtsgefühl wird, und dann weiß man, was recht und was nicht recht ist, und dass das sofort mein Gewissen schlägt, wenn ich merke, dass ich da irgendwo etwas – die anderen übervorteilt habe oder nur an mich denke.
Also was wir dringend, nachdem wir uns förmlich sehnen, möchte ich mal sagen, das ist ja, dass wir eine neue Rechtsordnung schaffen, wo das Vertrauen, nicht mehr das Misstrauen von Mensch zu Mensch – das herrscht heute vor –, sondern das Vertrauen von Mensch zu Mensch das Rechtsgefühl ernährt. Das war damals veranlagt.
Und das Dritte, nach dem streben wir genauso. Wir wollen ein Wirtschaften, was nicht auf der Grundlage des Egoismus sich aufbaut, dass jeder nur verhortet das, was er sozusagen meint, den anderen abknapsen zu können. Denn alles, was ich gewinne im Wirtschaften, verliert der andere. Das muss man sich auch mal klar machen als ein Gesetz. Jeder Gewinn im Wirtschaftsleben bedeutet irgendwo einen Verlust.
Sprecher 2: Ich respektiere Ihre Sichtweise.
Sprecher 1: Naja, gut, lassen wir es mal als eine Sichtweise. Jedenfalls kann man das am laufenden Band doch bemerken, dass der Egoismus ganz gewiss nicht die Triebkraft des Wirtschaftslebens alleine sein kann. Dass der Mensch selbstverständlich in jeder Handlung aus seinem Selbst heraus irgendwie wirken will, das ist ja klar. Aber wenn der Egoismus sich im Wirtschaftsleben etwas aneignet, was mehr ist als das, was er wirklich bedarf, was dann sozusagen das Bankkonto im Hintergrund ist, wo man merkt, dass man nach persönlichem Erreichtum strebt, dann merkt man sehr schnell, dass Armut woanders entsteht.
Sprecher 2: Sie verordnen allerdings das beim Menschen und nicht beim Geldsystem an sich.
Sprecher 1: Nein, das liegt beim Menschen. Es ist der Egoismus. Es ist der Egoismus, der einfach dazu führt, dass hier diese wunderbare Sozialordnung dann irgendwo unterwandert wird. Das meine ich damit nur.
Sehen Sie, das, was wir eigentlich anstreben, dass wir etwas versuchen in Freiheit zu entwickeln, das können wir auf dem Rechtsleben nicht. Auf dem Rechtsboden können wir keine Freiheit gebrauchen. Da brauchen wir Gleichheit. Und auf dem wirtschaftlichen Boden können wir keine Freiheit und Gleichheit gebrauchen. Da brauchen wir die Brüderlichkeit. Das wird solidarisches Wirtschaften genannt, nennt man es heute. Also da ist schon im 15. Jahrhundert der Keim gelegt worden für diese Sache.
Joanna von Orléans und die Bauernkriege 00:59:12
Und wenn wir dann die weitere Entwicklung jetzt verfolgen – wie haben denn diese Dorfgemeinschaften es geschafft, sich von Adel und Kirche zu befreien? –, das ist eine lange Geschichte.
Eine Zentralperson von diesem Punkt ist jemand ganz, ganz Unscheinbares. Unscheinbar bis dort hinaus. Ein Hirtenmädchen. Wer war das? Die Jungfrau von Orléans. Die Jungfrau von Orléans. Die war genau geboren in der Zeit, von der ich hier spreche, zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Hat nur ein sehr, sehr kurzes Leben gehabt. 19 Jahre. Wurde dann verbrannt in Rouen. Und was hat sie gemacht in den wenigen Jahren ihres Lebens? Sie hat Frankreich von England gelöst. Das war die ewige Auseinandersetzung zwischen Frankreich und England.
Und durch die Tat der Jungfrau von Orléans, die dann den König gewonnen hat und dafür gesorgt hat, dass dann die Schlachten zugunsten von Frankreich gewonnen worden sind gegen die Engländer, haben fortan die Engländer rausgeschmissen aus Frankreich, und es bildeten sich von dem Moment ab die beiden klassischen Nationen Europas, England und Frankreich. Das sind die klassischen Nationen Europas. Kein anderes Land Europas ist in dem Sinne eine Nation geworden wie Frankreich und England. Und das ist die Tat der Jungfrau von Orléans. Ein Hirtenmädchen. Es wurde von der Kirche verurteilt zum Tode, aufgrund dieser Taten verbrannt. Sie hat sich geopfert sozusagen. Diesen Prozess mit unglaublichem Mut und einer Weitsicht ohnegleichen hat sie es vermocht, gleichsam die Grundlagen für Europa zu legen. Die Auseinanderdividierung dieser Nationen, und ebenso Spanien und Portugal wurden dann ja auch Nationalstaaten. Aber erst dann.
Es waren immer einzelne Menschen, die versucht haben, sich jetzt irgendwo aus dieser Bevormundung, in der jeder stand, selbstverständlich das ganze Mittelalter hindurch – früher war es keine Bevormundung, da war es noch führend, geistig führend. Aber je weiter die Entwicklung fortschritt, hat sich das mehr und mehr als eine Bevormundung herausgestellt, weil die Menschen wollten aus sich heraus einen geistigen Impuls verwirklichen. Nicht mehr gegängelt sein von irgendwo her.
Und die Auseinandersetzung, die das in den folgenden Jahrhunderten hatte, die kann ich nochmal ganz kurz erwähnen. Also, dieser Impuls hier, das ist 15. Jahrhundert, wo die versucht haben, etwas herüber zu retten, über die Schwelle der Neuzeit, die Bauern, in die folgenden Jahrhunderte. Und dieser Impuls hat dann praktisch nur gereicht bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts und endete in den Bauernkriegen.
Die Bauernkriege waren ja dann wirklich der Aufstand der Bauern. Da haben die Bauern nun wirklich versucht, jetzt gegen Kirche und Adel zu kämpfen, um ihre Freiheiten, um sowas weiterzuentwickeln. Und dieser Aufstand, 1524–1525, ist ja dann mit Blut ertränkt worden und führte dann zur Gegenreformation. Die Bauern hatten sich ja dann mit den Protestanten verbündet und so weiter. Das ist also ein Trauerspiel ersten Ranges in der ganzen Entwicklung von Mitteleuropa, was sich da vollzogen hat. Und damit war eigentlich dieser Impuls zunächst mal untergegangen, aber er wirkte unterirdisch fort.
Publikumsfrage: Wann war das, Anfang des 16. Jahrhunderts? Die Bauernkriege?
Sprecher 1: Ja. 1524–1525. Also das war auch... Also wenn Sie das lesen, was sich da abgespielt hat, das ist so unwirklich. Die kamen mit den Sensen und Gabeln und die anderen kamen mit Kanonen und Gewehren. Die hatten gar keine Chance. Das bedeutete einen ersten gewaltigen Niedergang der Landwirtschaft in Europa.
Die Rosenkreuzer und Valentin Andreae 01:04:10
Und dann kam das 17. Jahrhundert. Das war jetzt Beginn des 16. Jahrhunderts. 1524–1525. Die Gegenreformation zog sich durch das ganze 16. Jahrhundert hindurch. Und dann kommt das 17. Jahrhundert und da am Anfang 1604 taucht eine Schrift auf. Noch nicht gedruckt, sondern noch als Manuskript. Fand aber zugleich eine unglaubliche Verbreitung. Eine Schrift von einem jungen Menschen, der nicht älter war als 18 Jahre, der in Tübingen studiert hat, Theologie. Sein Pfarrer war in Herrenberg. Herrenberg ist in Württemberg unten, zwischen Stuttgart und Schwarzwald. Da war er Pfarrer, protestantischer Pfarrer. 18-jährig. Und der hat eine Inspiration gehabt. Und hat sich hingesetzt und hat die niedergeschrieben. Und hat sie dann veröffentlicht, also nicht nur noch einen Manuskriptdruck. Und die hat eine so unglaubliche Reaktion ausgelöst zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Und die heißt Die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz.
Im Grunde genommen ist es in Bildern ausgedrückt die Einweihung eines Menschen. Einweihung heißt, dass er erwacht ist zur wirklichen Geisterkenntnis. Und in Bezug auf Christian Rosenkreuz anno 1459. Und dieser Christian Rosenkreuz ist eine Gestalt, die völlig außerhalb des Bewusstseins heute lebt. Die hat 1459 – das ist historisch belegt – die Fraternitatis Rosae et Crucis begründet. Die Bruderschaft vom Rosenkreuz.
Und er hat in der Zeit wohl seine eigentliche Einweihung empfangen, also zu einer höheren Erkenntnis. Und diejenigen, die die Mitglieder dieser Bruderschaft waren, das waren alles die Stillen im Lande. Das waren meistens Ärzte, Künstler, alle diejenigen, die eine hohe Kenntnis und hohe Fähigkeiten entwickelt hatten, aber als Stille im Lande wirken. Die haben nichts verlauten lassen von dem, was sie innerlich bewegt hat. Was sie innerlich geistig befördert hat. Sondern haben nur Gutes getan.
Einer der Hauptrepräsentanten dieser Rosenkreuzer war dann Paracelsus. Paracelsus wird auch genannt, übrigens von Valentin Andreae, der junge Mann, der hieß Valentin Andreae, dieser Pfarrer. Der wird jetzt auch in der Chymischen Hochzeit genannt. Aber es gab eben dann andere, überall verstreut. Die Stillen im Lande, die nur im Sinne dieses rosenkreuzerischen Impulses als Ärzte heilend gewirkt haben oder als Künstler tätig waren wie Der Dürer, von dem man jetzt immer deutlicher weiß, dass er ein Rosenkreuzer war, oder jedenfalls mit dem in Verbindung stand. Auch Der Grünewald, dieser ganz Unbekannte und einer der größten Maler überhaupt, wer den Isenheimer Altar gemalt hat. Das sind alles aus dem rosenkreuzerischen Geist also einer neuen Schau der Dinge. Ein viel umfassendes Wissen, was diese Menschen beseelt hat.
Und dann hat dieser Valentin Andreae nicht nur diese Schrift geschrieben, sondern noch weitere. Die Confessio und alles Mögliche bis zum Jahr 1614. 1616 wurden die alle in Straßburg gedruckt und veröffentlicht. Und zwei Jahre später bricht der Dreißigjährige Krieg aus. 1618. Und in dieser Zeit aber davor hat das wie ein Lauffeuer durch die Lande gewirkt, diese Schriften von dem Valentin Andreae. Diese Rosenkreuzer-Schriften. Und die haben einen unglaublichen Impuls bei den Ich-erwachten Menschen ausgelöst. Nicht in der Kirche. Nicht beim Adel. Sondern mehr im heraufwachsenden Bürgertum und bei den Bauern.
Der Dreißigjährige Krieg und der Dottenfelderhof 01:08:53
Die Folge war, dass dieser Impuls wiederum im Blut ertränkt worden ist. Durch den Dreißigjährigen Krieg. Der Dreißigjährige Krieg war ja die größte Katastrophe, die vor dem letzten Jahrhundert überhaupt über Europa hereingebrochen ist. Von so unvorstellbaren Folgen – man muss sich vorstellen, dass in der Zeit ungefähr in Mitteleuropa die Hälfte der Bevölkerung ums Leben gekommen ist. Nicht überall, aber fast überall. Bis zur Hälfte wurde die Bevölkerung reduziert. Und auch noch 50 Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg herrschten noch die größten Hungersnöte.
Und der Hunger wurde hervorgerufen dadurch, dass die großen Heere – es war ein Religionskrieg der Protestanten gegen die Katholiken –, und wenn die Katholischen Heere nach Norden vorgestoßen sind, haben sie hinter sich verbrannte Erde hinterlassen. Und wenn sie nach Süden sich zurückgezogen haben, wieder verbrannte Erde. Die Brunnen wurden vergiftet, indem einfach tote Tiere in die Brunnen reingeschmissen worden sind. Und so weiter und so weiter. Es ist eine Grausamkeit kaum zu überbieten.
Die Folge davon war, dass die Landwirtschaft vollständig am Boden lag. Es gibt ganz wenige Inseln in Europa, wo die Landwirtschaft sich ungebrochen gehalten hat. Das war in Flandern, in Südengland, Kent, und dann in Wallonien bis in die Normandie. Da hat sich die Landwirtschaft nahezu ungebrochen weiterentwickeln können. Aber ansonsten in Mitteleuropa war alles Tabula rasa.
Der Dottenfelderhof hier, der eine Geschichte hat, die auf das Jahr 843, die Zeiten Karls des Großen, zurückreicht, dieser Hof hier, der 976 von Kaiser Otto II. dem Kloster Worms zu lehnen gegeben worden ist, und wo später die Prämonstratenser ab 1121 wirkten als Klostermeierei vom Kloster Ilbenstadt – der Dottenfelderhof wurde während des Dreißigjährigen Krieges platt gemacht. Da war nichts mehr, nur ein paar Grundmauern noch übrig und der alte Saal da unten. Der stammt noch aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg. Also eines der ersten, ältesten historisch verfolgbaren Ansiedlungen hier weit und breit. Dieser Hof hier als freier Königshof unter Karl dem Großen noch gewesen und später ein Lehnsgut.
Und erst später wurde der dann weltlich durch die sogenannte Reformation, unter den ganzen Auflösungen der Klöster unter Napoleon. Also der Dottenfelderhof war platt vor den Toren von Frankfurt am Main. Und die Hungersnöte haben angehalten bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts, und dieses Haus hier gegenüber wurde 1707 erst wieder aufgebaut. Also 59 Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Und zwar mit Gebälk innen drin – ist alles großes Gebälk aus alten Kirchengestühlen von Kirchen, die nie wieder aufgebaut worden sind.
Es gab ja die sogenannten Wüstungen im Dreißigjährigen Krieg, Wüstungen, die so verwüstet waren, dass die Dörfer nie wieder aufgebaut worden sind. Und aus zum Teil aus Balken dieser Zeit ist dieses Haupthaus wieder gebaut worden. Die anderen Gebäude alles später, erst 1741 dann hier dieses Geviert und so weiter. Also es hat endlos lang gedauert, bis in Mitteleuropa diese Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges überwunden war.
Die Aufklärung, die Abwanderung und der Kleeanbau 01:13:16
Und jetzt setzt eine Zeit an, die sogenannte Aufklärung. Haben Sie bestimmt auch schon gehört. 18. Jahrhundert, die Zeit der Aufklärung, wo jetzt nicht mehr Kirche und Adel so sehr die eigentlichen Triebfedern mehr waren, sondern das Bürgertum in den Städten. Und in dieser Zeit gab es schon riesige Abwanderungswellen aus der Landwirtschaft in die Städte, auch in der Folge des Dreißigjährigen Krieges, aber nicht nur, sodass die Städte immer mehr wuchsen und die Dörfer immer mehr verarmten.
Und das hat dazu geführt, dass jetzt diese Menschen, die aus den Dörfern kamen, in den Städten einen neuen Beruf erlernen mussten, um überhaupt existieren zu können. Auf diese Weise entstanden überhaupt erst die Berufe. Das ging schon im 14. und 15. Jahrhundert los, aber dann nach und nach, dass es überhaupt ein Berufsspektrum gab, das ist eigentlich erst in der Zeit der Neuzeit nach und nach und dann immer mehr und immer stärker sich entwickelt.
Ich möchte mal da ein Beispiel noch nennen. Da gab es zur Goethezeit einen namens Jungstiering, hieß der, und dieser Jungstiering war aus ärmlichsten Verhältnissen stammend, hier aus dem Siebengebirge, und der hatte eines Tages nun den Drang, sein Dorf zu verlassen – was für ihn Haus, also Wohnung und Essen immerhin zur Verfügung stellt, Kleidung –, das zu verlassen, und zwar ins Ungewisse. Er hat nur noch seinen Stock und hier seinen kleinen Beutel gehabt und so ist er abgewandert aus dem Dorf, auf nimmer Wiedersehen. Das war die typische Situation vieler, vieler Menschen, auf Nimmer-Wiedersehen in ihrer Heimat abzuwandern, aus den Dörfern in die Städte, ins Nichts.
Und dieser Jungstiering hat dann doch die Möglichkeit gehabt, durch Hilfe von außen dann auch zu studieren, auch zuletzt in Straßburg, da hat er auch den Goethe kennengelernt. Und Der Goethe hat ihm im Übrigen immer wieder aus der höchsten Not geholfen. Und der wurde später einer der Begründer der Staroperation. Der hat es selber freihändig, auf den Kirchenstufen vor den Kirchen hat er Blinde operiert. Und hat es dann alles mal niedergeschrieben. Und das ist – Jungstiering –, das heißt Heimweh oder so ähnlich, egal wie – lesen Sie es. Also wenn Sie noch nie Tränen in den Augen gehabt haben, dann haben Sie es auch dann gewiss, wie da das beschrieben wird, wie dieser Mensch seine Biografie beschreibt, dieses sich Loslösen aus der Geborgenheit einer solchen Dorfschaft, jetzt da ins Nichts einer solchen Stadt abzuwandern und nur zu vertrauen, dass man aus eigenen Kräften jetzt sein eigenes Schicksal in die Hand nimmt.
So, und so sieht man jetzt im 18. Jahrhundert riesenhafte Abwanderungswellen. Die Städte quollen über, und wenn es nicht mehr ging, dann sind sie nach Amerika ausgewandert. Amerika wurde dann aus dem Überschuss sozusagen derjenigen, die in den Städten keine Möglichkeit gefunden haben, die sind dann eben ausgewandert und haben Amerika besiedelt und wurden dort die großen Pioniere.
Und jetzt sehen wir, dass gegen Ende des 18. Jahrhunderts, oder im 18. Jahrhundert, das möchte ich noch erwähnen, ein ganz entscheidender Moment eingetreten ist. Denn nach dem Dreißigjährigen Krieg war dieses Prinzip weitgehend zerstört, das musste erst wieder hergestellt, repariert werden sozusagen. Aber trotzdem waren die Bauern so bettelarm, also jämmerlich am Beginn des 18. Jahrhunderts.
Und da tritt nun in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein Mensch auf, der hieß Schubart, und dieser wurde später sogar geadelt, Edler von Klefeld. Und der hat was gemacht? Der hat diese maßlose Not der Bauern gesehen und ist durch Europa gereist und hat geguckt, was machen die anderen. Und da kam er auch eben nach Kent und nach Flandern und weiß Gott wohin. Und hat erkannt, die bauen Klee an. Und dann hat er den Kleeanbau eingeführt in ganz Mitteleuropa. Und hat die Bauern veranlasst – also wenn das die Winterung war, wo die Winterung geteilt, dann hat er die Sommerung –, dann hat er die Brachflächen, die sogenannte Brache, die hat er jetzt besömmert. Die Besömmerung der Brache. Die Brache war bisher nur sozusagen Unkrautaufwuchs, wo man dann die Rinder noch rausgetrieben hat im Sommer, um noch Futter zu haben. Diese Brache hat er besömmert. Gesagt: Hier müsst ihr Klee anbauen, hier macht ihr euren Weizen, da euren Hafer und so weiter. Und das rotiert ja sowieso, da kommt nächstes Jahr der Klee hier hin, dann dahin und so weiter.
Eine unglaubliche Bereicherung der Fruchtfolge. Ich persönlich bin übrigens der Überzeugung, dass sie das vor dem Dreißigjährigen Krieg auch gemacht haben, aber jedenfalls da ging eben alles zugrunde, und dann wurde das quasi wiederentdeckt, ganz bewusst, und eingeführt. Und da hat er sich die Bauern vielfach zum Feind gemacht, weil die dann nicht wollten, dass diese Brache durchgängig mit Klee bestellt wird, die Brachflächen, weil schon das römische Recht Eingang gefunden hat. Und dadurch dieses System hier ganz stark geworden ist, Eigentumsrecht. Wenn was zum Eigentum wird, dann kann ich hier nicht mehr flexibel die Dinge handhaben. Da ist das germanische Recht allmählich von dem römischen Recht abgelöst worden.
Also die Einführung der Besömmerung der Brache mit Kleeanbau, später dann mit Kartoffelanbau und noch später mit Rübenanbau – erst im 19. Jahrhundert fing das an mit dem Rübenanbau –, sodass allmählich die Brachflächen gleichsam zunächst einmal durch den Kleeanbau das Vieh wieder einigermaßen sich entwickelt hat, damit mehr Dünger anfiel. Nach dem Dreißigjährigen Krieg, noch Anfang des 18. Jahrhunderts, haben die Bauern zum Teil mit dem Schlitten das Vieh aus dem Stall aufgeladen und mit dem Schlitten rausgefahren auf die Weiden, und es dort runtergeladen, damit es sich dann wieder auffüttern kann auf den Weiden. Hatten kein Futter mehr. So war der Zustand. Und jetzt durch den Kleeanbau hatten die plötzlich so viel Futter zur Verfügung, um die Viehbestände wieder aufzubauen. Und das hat einen relativen Wohlstand hervorgerufen im Verlauf des 18. Jahrhunderts, einen relativen Wohlstand. Die kamen aus diesen furchtbaren Armutsverhältnissen heraus.
Die Naturwissenschaften kommen zur Landwirtschaft: Liebig und der Mineraldünger 01:21:44
Aber es entstanden eben Fragen. Jetzt kamen plötzlich Leute an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, die fingen an, Fragen zu stellen an die Landwirtschaft, an die Bauern. Die Bauern konnten die natürlich nicht beantworten, die hatten ja gar keine Ausbildung oder irgendwas, aber die hatten nur noch die alten Traditionen zur Verfügung, mehr nicht. Und es waren übrigens dann viele Bauern, die einfach zurückgeblieben sind, die nicht ausgewandert sind, die nicht in die Städte abgewandert sind.
Und was da heraufkam, war jetzt, dass Menschen aus der Stadt rauskamen und haben mal geguckt: Warum seid ihr denn so arm? Vielleicht können wir euch helfen, mit der Naturwissenschaft. Und das leitet dann die ganze Entwicklung des 19. Jahrhunderts ein.
Jetzt möchte ich nur noch eines sagen, was das 18. Jahrhundert betrifft. Da fing nämlich das an, was im 19. Jahrhundert zur Katastrophe wurde. Nämlich, dass die Menschen, die da abgewandert sind aus der Landwirtschaft, aufgesogen worden sind, nicht nur von der Stadt als solcher, sondern von der Industrie, von der aufblühenden Industrie, die jetzt arbeitsteilig gearbeitet hat und jetzt Arbeitskräfte brauchte. Und da wurden die Bauern die ersten Migranten überhaupt in Europa. Die kamen von draußen aus den Dörfern in die Städte, um dort zu arbeiten. Morgens früh, weiß ich wie viele Kilometer zu Fuß dahin, abends nach einem 10-Stunden-Arbeitstag, Minimum, dann wieder nach Hause gewandert.
Und diese Menschen wurden also aufgesogen von der wachsenden Industrie und formten und bildeten dann das, was man heute Proletariat nennt, oder damals Proletariat genannt hat. Das waren alles Bauernsöhne aus den Dörfern. Und die waren natürlich so – jetzt haben sie sozusagen alles das an Geborgenheit verloren, was sie vorher hatten – und mussten jetzt auch anfangen, ihr Leben selbst zu gestalten. Und wie sollten sie das machen. Und sie hatten Fragen, Fragen, Fragen an das Bürgertum, an die Naturwissenschaft. Und wenn die dann Fragen gestellt haben, dann hat der Naturwissenschaftler zu ihnen gesagt, ja, der Mensch stammt vom Affen ab. Und das war keine Antwort, was das Proletariat hören wollte, wer der Mensch eigentlich ist. Er stammt vom Affen ab. Und dann ist er zum Bürger gegangen und hat gesagt: Du armer Mensch, studiere doch erstmal den Homer, dann verstehst du ein bisschen mehr von der Welt. Uralte Vergangenheit.
Also wie da plötzlich das Bürgertum keine Antworten geben konnte dem Bauern, dem Proletariat, und auch die Naturwissenschaften keine Antwort geben konnten auf deren Fragen. Und deren Fragen waren soziale Fragen. Es war eine Frage, die in diese Richtung ging.
Vorausgegangen, oder am Ende dieser Entwicklung, naja am Ende nicht, mittendrin, passierte ja noch folgendes, in Frankreich, aber das überzog dann auch ganz Europa: Das war die Französische Revolution. Möchte ich doch nochmal kurz erwähnen, was ist denn eigentlich in der Französischen Revolution die große Triebfeder gewesen? Die fragten nach Freiheit. Die fragten nach Gleichheit. Und die fragten nach Brüderlichkeit. Das waren die hohen Ideale der Französischen Revolution, die am Anfang standen. Liberté, Egalité, Fraternité. Das waren die großen drei gewaltigen Ideale. Man merkt, wie dieser Impuls des 15. Jahrhunderts im 16. Jahrhundert neu aufleuchtet und wieder aufleuchtet in der Französischen Revolution. Und wieder mit Blut ertränkt. Aber der Strom fließt unterirdisch noch weiter ins 19. Jahrhundert und kommt dann erneut zu diesen Freiheitsbestrebungen, 1848 und so weiter.
Aber zunächst mal haben wir es mit diesen gewaltigen Abwanderungswellen zu tun. Und im 19. Jahrhundert sind die Bauern wieder derart verarmt und derart nicht mehr wissend, wo es überhaupt weitergehen kann. Und alle Neuerungen kamen nicht aus der Landwirtschaft, sondern ausschließlich von außen. Es ist auch eine Tragik, die man sich mal ganz bewusst machen muss, dass alles, was die Lösung des eigenen Problems sein sollte, man nicht selber entdeckt hat als Landwirt, sondern er wurde restlos bevormundet durch den Input, der jetzt von außen in die Landwirtschaft rein floss. Und diejenigen, die die großen Fragen an die Landwirtschaft stellten, waren nicht die Landwirte selbst, sondern eben die Naturwissenschaftler.
Und so, gerade um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, sehr stark in Paris, in der Sorbonne, aber dann später hier in Deutschland in Gießen, tauchen jetzt Naturwissenschaftler auf, Chemiker überwiegend, auch Physiker, die jetzt diese Fragen stellen: Ja, wie können wir euch helfen in der Landwirtschaft?
Und die erste große Frage, die am Anfang des 19. Jahrhunderts gestellt worden ist, das war die Frage: Was ist die alte Kraft der Erde? Das wusste man, man wusste, dass der Boden irgendwo eine alte Kraft hat, man wusste nicht, was man die zurückführen sollte, und dem wollte man jetzt forscherisch nachgehen. Und man vermutete, dass es der Humus ist. Und dann entstand die Humusforschung zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
Gleichzeitig entstanden die landwirtschaftlichen Fakultäten an den Universitäten. Die Universität Hohenheim, also damals Landwirtschaftliche Hochschule, wurde 1807 gegründet. Und Berlin-Dahlem durch Albrecht Thaer gegründet, und Zeitgenosse Goethes, der ursprünglich Arzt war. Also es waren immer moderne Menschen, die da jetzt den Impuls haben: Wir müssen jetzt da eine Wissenschaft begründen, wir müssen eine Ausbildung begründen auf wissenschaftlicher Basis, damit wir den Landwirten helfen können.
Und unter denen, die da jetzt entscheidend auch gewirkt haben, möchte ich wenigstens nur die eine Person nennen: Justus von Liebig. Haben Sie ja schon mal gehört, oder? Justus von Liebig, der hat ja gelehrt als junger Professor – nachdem er auch zuerst in Frankreich war –, in Gießen hier jetzt in der Nähe. Und der war ein Universalgenie, kann man sagen. Und der stand mit einem Bein noch im deutschen Idealismus der Goethezeit und mit einem Bein bereits im Materialismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Und dieser Liebig hatte die zentrale Frage: Wie kann ich euch helfen, euch Bauern, euch armen Bauern da in der Umgebung von Gießen? Da ist er rausgegangen und hat dort gesagt zu den Leuten: Ja, sagt mir doch, wie ich euch helfen kann. Da wussten die gar nicht, was sie da antworten sollten. Ich bin ja Chemiker und Physiker, also ich kann nur aus meiner Chemie und Physik irgendwie einen Beitrag leisten. Und was hat er gemacht? Er ist rausgegangen aufs Feld und hat Proben gesammelt von den verschiedenen Kulturpflanzen. Ist dann reingegangen in sein Labor und hat die chemisch analysiert.
Wenn man das chemisch analysieren will, da muss man erst mal das Leben raustreiben aus diesen Pflanzenproben, aus den Blättern oder Stängeln, was er da gesammelt hat. Da muss man sie erst mal tot machen, muss sie durchs Feuer führen, dass die Asche übrig bleibt. Und dann fängt man an, die Asche zu analysieren. Und dann hat er da drin alle möglichen Stoffe gefunden, also eine ganze Latte, die dann in periodischen Systemen versammelt sind, angefangen von Kalium und Phosphorsäure, Magnesium und Kalzium und die ganze Latte der Spurenelemente und so weiter. Hat er gefunden. Dann hat er sich gesagt: Offensichtlich ist das die Hauptsubstanzen, die in der Pflanze relevant sind für ihre Entwicklung. Das ist Kalium und Phosphorsäure und der Stickstoff natürlich, aber den hat er von sich weggeschoben. Kalium und Phosphorsäure, das ist im Minimum. Das sind die Stoffe, wenn jedes Jahr die Pflanzen die aus der Erde rausholen, dann kann man ja absehen, dass irgendwann mal in der Erde nichts mehr drin ist, dass da notwendigerweise ein Defizit entsteht.
Naja, gut, Zeit ist ja längst um. Ja, und dieser Liebig, damit möchte ich die Sache jetzt abschließen, dieser Liebig, der hat daraus dann seinen Liebig-Dünger begründet, der ein Kaliumphosphat-Dünger war, keine großen Erfolge erzielt. Es waren richtige Ansätze gewesen. Und aber doch in der Folgezeit waren es einzelne Menschen, die dem Liebig die Treue gehalten haben, und die haben dann bewiesen, dass dieser Grundgedanke von ihm hervorragend war und hervorragende Resultate erzeugt hat, ohne Stickstoff, nur Phosphorsäure-Kalium und sonst nichts. Auf ärmsten Sandböden, nach 20, 30 Jahren konsequenter Arbeit, dann also tolle Erfolge erzielt worden sind.
Ich muss hier leider abbrechen und wir müssen dann morgen die Sache dann zu Ende führen. Ich wollte eigentlich weiterkommen. Vielen Dank.
Glossar
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z | 0-9 | Gesamtglossar A
A
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z | 0-9 | Gesamtglossar B
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A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z | 0-9 | Gesamtglossar C
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A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z | 0-9 | Gesamtglossar D
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A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z | 0-9 | Gesamtglossar E
E
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z | 0-9 | Gesamtglossar F
F
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z | 0-9 | Gesamtglossar G
G
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z | 0-9 | Gesamtglossar H
H
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z | 0-9 | Gesamtglossar I
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